Lehr- und Laborgebäude Bauhaus-Universität Weimar

K+H Architekten, Stuttgart

<b>Ausgangssituation</b>
Die Bauhaus-Universität nutzt im Zentrum Weimars unweit des Goetheplatzes einen Gebäudekomplex mit teilweise denkmalgeschützter Bausubstanz aus den 30-er und 50-er Jahren des letzten Jahrhunderts. Für die Fakultät Bauingenieurwesen sollte im Hofbereich ein Laborgebäude für Lehr- und Forschungszwecke auf dem Gebiet der Werkstofftechnologie und des Erdbaus errichtet werden. Seminarräume, EDV-Labore und Büroräume für die betroffenen Institute sollten ebenfalls in dem Neubau untergebracht werden.

<b>Bebauungskonzept</b>
Das Bebauungskonzept, das sich bei einem europaweit ausgeschriebenen Architektenwettbewerb durchgesetzt hatte, nutzt die natürliche Topgraphie im Hofbereich, um die Laborräume und die Experimentierhalle in das abfallende Gelände hinein zu schieben. Durch diesen Kunstgriff werden zwei unterschiedliche Höhenniveaus gewonnen, die den Innenhof gliedern.

Das untere durchgehend gepflasterte Hofniveau wird von Fahrverkehr komplett freigehalten. Mit Anschluss an die bestehende Bebauung entsteht ein die unterschiedlichen Gebäude verbindender Campus-Hof mit hoher Aufenthaltsqualität. Das obere Hofniveau dient der Erschließung mit Fahrzeugen aller Art und als Parkplatzfläche. Durch die Begrünung des oberen Bereichs wurde ein insgesamt differenzierter Hofraum geschaffen.

Durch die teilweise Unterbauung der Hoffläche konnte ein Großteil des geforderten Raumprogramms in dem dadurch entstandenen Sockelgeschoss untergebracht werden. Nur die Institutsbereiche treten in Form eines aufgeständerten Baukörpers in Erscheinung ohne den Hofraum einzuengen.
Die Laborräume im Sockelgeschoß werden durch ein leicht schräg gestelltes Glasband belichtet. Dieses Glasband durchschneidet den Campushof als deutlich sichtbares Zeichen des architektonischen Eingriffs und soll später im benachbarten Innenhof als verbindendes Element weitergeführt werden.

<b>Innere Organisation</b>
Die Nutzungen wurden den funktionalen Erfordernissen entsprechend horizontal geschichtet. Ebenerdig anfahrbare Laborbereiche, Experimentierflächen mit hohen Bodenlasten sowie großflächige Technikzentralen, die die Gesamtliegenschaft versorgen, sind im Sockelgeschoß angeordnet.

Der aufgeständerte Institutsbau beinhaltet die Büros für das Lehrpersonal sowie EDV- und Sammlungsräume. Zwischen diesen beiden Nutzungspolen (Theorie und Praxis) ist die Wissensvermittlung als Seminarbereich im Erdgeschoß zwischengeschaltet. Das Foyer verbindet die beiden Hofniveaus durch eine interne Treppe und verleiht dem Gebäude eine offene und kommunikative Mitte.

<b>Gestaltung</b>
Der differenzierte Baukörper wurde entsprechend seiner Bestandteile gestaltet. Das Sockelgeschoß ist in das Gelände eingebettet und tritt nur durch sein gläsernes Fassadenband in Erscheinung. Über dieser markanten Geländekante schwebt der aufgeständerte Institutsbaukörper. Seine Bekleidung aus rückseitig beschichteten Glastafeln verleiht dem Baukörper eine scheinbar transluzente, durch unterschiedliche Lichtbrechungen belebte Schicht. Im Kontrast dazu steht ein mattschwarzer Treppenhausturm, der an der Nordfassade auch nach außen in Erscheinung tritt. Das Erdgeschoß mit seinem Seminarbereich wurde als transparente Gebäudefuge ausgebildet, die vielfältige Ein- und Ausblicke zulässt.
Insgesamt geht die Neubaumaßnahme in deutlichen Kontrast zur teils denkmalgeschützten Altbausubstanz. Eine klare und moderne Architektursprache setzt hierbei unverwechselbare Akzente.

<b>Gebäudeklimatik</b>
Das Gebäude gliedert sich bezüglich des Installationsgrads in zwei Teile. Die Labor- und Seminarräume werden auf Grund der spezifischen Nutzungsanforderungen mechanisch be- und entlüftet. Um die Lüftungsanlage möglichst energiesparend zu betreiben, wurden Erdregister zur Vorwärmung bzw. Vorkühlung der zu behandelnden Luft in den grundwassernahen Bodenschichten verlegt. Regenwasser aus einer Zisterne wird zusätzlich zur Verdunstung gebracht um bei hohen Außentemperaturen die Zuluft kühlen zu können.

Bei der Planung der natürlich belüfteten Büroräume hingegen wurden neue Wege beschritten, um die klimatischen Bedingungen an den Arbeitsplätzen ohne aufwändige und teure Anlagentechnik zu verbessern.

Grundsätzlich sorgt eine hygienische Grundlüftung für eine kontinuierliche Erneuerung der Raumluft (0,5-facher Luftwechsel). Hierzu werden in der Fassade die Klappflügel aus ihren Dichtungen gefahren. Ein zentraler Abluftventilator zieht die verbrauchte Raumluft flurseitig aus den Büroräumen. Diese hygienische Grundlüftung macht eine Fensterlüftung im Normalfall überflüssig und verhindert damit starke Lüftungswärmeverluste in der kalten Jahreszeit. Zusätzlich werden solare Gewinne aus der Südorientierung der Büroräume durch einen nach innen verlegten Sonnenschutz ermöglicht.

Im Sommer werden zusätzlich nachts die bereits erwähnten Klappflügel in der Fassade weit geöffnet. Kühle Luft wird jetzt mit 5-facher Luftwechselrate durch das Gebäude gezogen. Dadurch wird die massive Rohbaustruktur abgekühlt und kann am Folgetag wieder die Temperaturspitzen ausgleichen. Der Verzicht auf wärmedämmende Deckenbekleidungen und Fußbodenbeläge begünstigt diesen Effekt. Bei ansteigenden Außentemperaturen am Morgen wird dann die Lüftung wieder auf die hygienische Grundlüftung zurückgefahren, um die Erwärmung der Rohbaukonstruktion zu verlangsamen.
Die innen liegenden Sonnschutzlamellen sind so geformt, dass die steil stehende Sommer-Südsonne wieder durch die Fensterscheiben nach draußen reflektiert wird (Retroreflexion). Eine übermäßige Erwärmung des Innenraums wird dadurch verhindert.

Die Wirksamkeit dieses gebäudeklimatischen Konzeptes konnte in den heißen Sommermonaten des Jahres 2003 erstmalig überprüft werden. Die Ergebnisse entsprachen den Erwartungen aus der gebäudeklimatischen Computersimulation. Die Raumlufttemperatur in den Büroräumen stellt sich in der Regel bei maximal 28°C ein. Bei Fehlbedienung von Sonnenschutz und Lüftungsflügeln konnten dagegen über 32°C gemessen werden.

Ein zusätzlicher positiver Effekt des innen liegenden Sonnenschutzes ist die Möglichkeit, auf einen zusätzlichen Blendschutz verzichten zu können. Dieser ist neben dem traditionell außen liegendem Sonnenschutz heute notwendig geworden, um das Arbeiten am Bildschirm zu ermöglichen wenn bei starkem Wind der Sonnenschutz hochgefahren werden muß. Der innen liegende Sonneschutz bietet dagegen die Möglichkeit einer individuellen manuellen Bedienbarkeit und kann damit auch zur tageslichttechnischen Optimierung herangezogen werden.

Die Neubaumaßnahme stellt einen weiteren Meilenstein bei der Gestaltung eines modernen Hochschulstandorts für die Bauhaus-Universität Weimar dar. Darüber hinaus wurde gemeinsam mit Auftraggeber und Nutzer der Versuch unternommen, exemplarisch Erkenntnisse beim Einsatz Resource schonender Bauweisen zu gewinnen.

Bauleitung: Gildehaus Reich, Weimar
Freianlagen: Henne+Korn, Freiburg
Erschließung: Peuker+Nebel, Weimar
Tragwerk: Erfurt+Partner, Erfurt
Bauphysik: BBS, Weimar
Haustechnik: M+M, Naumburg und Büro Gackstatter und Partner, Erfurt
Lichtplanung: Helmut Köster, Frankfurt

Alle Fotos von: Steffen Michael Groß, Rollpaltz 7, 99423 Weimar

Weitere beteiligte Architektur-/ Stadtplanungsbüros:
gildehaus.reich architekten, Weimar

Adresse
Coudraystr. 11d
99423 Weimar

Planungsbüro
K+H Architekten, Stuttgart

Bauherr
gewerblich

Fertigstellung
2003

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Zugeordnete Schlagworte und Sammlungen

Letzte Aktualisierung dieser Seite am: 30.09.2010. Alle Angaben auf dieser Seite werden durch das Büro K+H Architekten, Stuttgart auf freiwilliger Basis verwaltet. Das Büro ist für den Inhalt dieser Seite selbst verantwortlich. Die Angaben werden von der Architektenkammer Thüringen nicht geprüft.

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