Sanierung und Umgestaltung „Haus Vaterland“ in Erfurt

ARCHITEKTUR MARGGRAF, Filderstadt

Erläuterungsbericht zum architektonischen Konzept

Wieder einmal hat sich gezeigt, dass eine erschöpfende und vollständige Vorunter-suchung beim Bauen im Bestand – allgemein als Sanierung oder Rekonstruktion bezeichnet – unabdingbare Voraussetzung zur Durchführung der Bauaufgabe ist. Bauen im Bestand ist eine sehr reizvolle und interessante, aber auch zeitaufwändige Bauaufgabe, die sehr viel Fingerspitzengefühl, Erfahrung und eine völlig andere Denkweise gegenüber dem Planen im Neubau erfordert.


Sie ist auf der einen Seite wichtig für die Bau- und Geschichtsforschung, wichtiger aber für die Dokumentation von Umbauphasen. Veränderungen des Tragsystems und Schäden am Gebäude entstanden durch Reparaturstau, oder auch durch „historische Bauschäden“. Formulierungen in Reise- und Denkmalführern wie z.B. erste Erwähnung, abgebrannt, Wiederaufbau, weitere Bauphasen usw. lassen schon erahnen, was zu erwarten ist. Gleichzeitig zeigt diese einfache Beschreibung die baugeschichtliche Entwicklung auf, sie gibt auch Aufschluss darüber wie ein Bauwerk in der Vergangenheit ständig den sich verändernden Nutzungs-anforderungen und -ansprüchen, aber auch dem Zeitgeist und der Mode angepasst wurden, gleichsam baugeschichtlich mitgewachsen ist. Eine Übersicht über die vielfältigen Veränderungen im Laufe der vergangenen 430 Jahre zeigen die Übersichten der einzelnen Bauphasen auf.

Neben dem Erhalt und der Sicherung historischer Bausubstanz darf auch dieser baugeschichtliche Entwicklungsprozess nicht dadurch unterbrochen werden, indem der Rückbau auf eine bestimmte Epoche, also die Manifestierung mit gleichzeitigem Verbot des Einbringens neuer Stilelemente zum Grundsatz erhoben wird. Heutige Ansprüche und Nutzungen fordern aber, und hier im Besonderen im haustechnischen Bereich, umfangreiche Veränderungen, die gleichzeitig eine große Gefahr durch drohende Zerstörung von Bauteilen bei oberflächlicher Planung bedeuten. Es sind also keine radikalen Änderungen gefordert, sondern das Einbeziehen und Ergänzen, und der Respekt und die Achtung der Leistung unserer Vorfahren. Das Gebäude ist der heutigen Nutzung anzupassen, diese hat Rücksicht auf die Bausubstanz zu nehmen. Erhaltung, Sicherung und Konservierung stehen an erster Stelle.

DerArchitekt hat die Aufgabe, mit Hilfe der erarbeiteten Unterlagen und dem Erlebten, ähnlich einem Arzt, seinen „Patienten“ Bauwerk kennen zu lernen. Denn mit der baulichen Entwicklung und Veränderung ist dem Bauwerk nicht nur Gutes widerfahren. Veränderungen im Laufe der Jahrhunderte haben die Handwerker früherer Zeit wohl zur Zufriedenheit ihrer Auftraggeber ausgeführt, lassen aber heute Fehlinterpretationen zu. Hier zählt die intensive Zusammenarbeit und der Dialog aller fachlich an der Planung Beteiligten. Dazu kommt, dass schadhafte Bauteile, Reparaturstau, falsch eingesetzte Materialien dem Bauwerk zusetzten.
Das „Haus Vaterland“, wie das Haus Nr. 1 des gesamten Ensembles bezeichnet wird, war in der Vergangenheit als Gasthaus und Zollstation genutzt. Damit war ein Teil des Ensembles schon immer zum Teil für Verwaltung genutzt worden. Neben der Realisierung des vom Auftraggeber vorgegebenen Raumprogramms für die Erweiterung der thüringischen Staatskanzlei war eine zeitgemäße, behindertengerechte Erschließung Grundforderung der Planungsvorgabe. Dabei stand die Gebäudestruktur im Vordergrund mit dem Ziel, ein Maximum an Bausubstanz zu erhalten, auch um Baukosten zu sparen. Vorhandene Gebäudestrukturen, Fenster, Tragachsen etc. geben die Raumstrukturen und Raumgrößen vor. Als Grundlage des Entwurfs formulierten sich dann folgende Kriterien:

- Erfüllung des Raumprogramms
- behindertengerechte Erschließung aller Geschosse
- Einbau einer Aufzugsanlage
- Beachtung der vorhandenen und historischen Raumstrukturen.

Im Vordergrund stand die Realisierung des Raumprogramms unter Berücksichtigung der geforderten Abteilungen, funktionaler und organisatorischer Forderung einer modernen, technisch hochentwickelten Verwaltung. Die Verwendung moderner, zeitgemäßer Konstruktionen und Baustoffe als Kontrast und Erläuterung der neuen Bauteile und Ergänzungen zeigt den Übergang zu unserem technischen Zeitalter auf. Wirtschaftliche Aspekte waren ebenso zu berücksichtigen wie auch der spätere Bau-unterhalt.

Die gesamte Hofanlage besteht aus 7 Gebäudeteilen. Die älteste überkommene Bausubstanz des Untersuchungsbereiches stellt das Gebäude 4 dar. Dieser rückwärtig gelegene, das großflächige Grundstück traufständig zur Marstallstrasse begrenzende Speicherbau von stattlicher Kubatur, entstammt nahezu unverändert dem Errichtungszeitraum etwa 1569/70. Im Bestand zählen dazu seine Umfassungs-mauern, die Geschossebenen samt Stützen, sowie das gesamte Dachwerk. In seiner äußeren Gesamterscheinung zeigt der Massivbau aufwändig gequaderte Ecken, den Gesimsen an Traufen und Giebelschultern, sowie regelmäßige symmetrisch geordnete Durchfensterung. Der Bau entspricht im Erscheinungsbild dem aller Strassenfronten des Hofkomplexes, für deren Gestaltung er als ältester Teilbau gewissermaßen Vorgaben setzte. Das weitgehend schmucklose Gebäudeinnere birgt bis in den Dachraum hinauf jeweils geschossgroße Lagerräume, wobei die enorm stark dimensionierten Konstruktionen der Geschossebenen auf gewaltige Lastungen und Lagerkapazitäten verweisen und besondere Beachtung verdienen. Die dendrochronologische Bestimmung ergab für verschiedene Bauhölzer Fälldaten von 1568 und 1569.

Das stattliche dreigeschossige Vorderhaus mit einem gewaltigen, alles überragenden Dach, bildet aufgrund seiner enormen Kubatur die bauliche Dominante des gesamten Komplexes. Seine vergleichsweise nüchternen und dennoch kaum minder repräsentativen Fassaden, deren Einzelformen an den Straßenfronten der Seitenflügel wiederkehren, entsprechend der exponierten Position, die die Hofanlage im reichen Erfurter Stadtbild inne hatte. Ein bauhistorisches und dendro-chronologisches Gutachten zum Dachwerk des Vorderhauses kommt zu dem Ergebnis, dass dieser Bau aus den Jahren 1572/73 stammt. Dies deckt sich mit dem Datum der Bauinschrift der Fassade, welche die Jahreszahl 1572 trägt (ZVM GVLDEN STERNEN GENANNT 1572). Das Gebäude wiederholt am Außenbau den gestalterischen Aufwand der Gesims- und Eckquaderungen des Gebäudes 4, die Fensterformen sind weitaus reicher gehalten. Zum Teil erscheinen an beiden Bauten gleiche Steinmetzzeichen und bestätigen die geringe zeitliche Distanz beider Bauabschnitte.


Der südliche Teil des Gebäudes 5, ein Seitenflügel zur Malzgasse, stellt den nächstfolgenden Bauabschnitt dar. Besondere Relevanz kommt in diesem Falle dem beobachteten Steinmetzzeichen zu, da hier zum Teil die gleichen Steinmetzzeichen wie am Vorderhaus und am rückwärtigen Speicher (Gebäude 1 und 4) auftreten und eine relativ enge zeitliche Abfolge belegen. Der gestalterische Anspruch des Außenbaus der beiden ersten Bauphasen wurde hierbei beibehalten. Erst in einem weiteren Bauabschnitt wird das Gebäude 5 bis an die Marstallstrasse erweitert, wobei das primäre Dachwerk vorerst noch bestehen bleibt und erst etwa 1625 vollständig ersetzt wird.

In der nächstjüngeren Bauphase wird die gesamte Ostseite der Hofanlage zur Markgrafengasse mit einem langgestreckten zweigeschossigen Seitenflügel (Gebäude 2 und 3) geschlossen, der sich von der Rückseite des Vorderhauses (Gebäude 1) bis an den Speicher (Gebäude 4) erstreckt. Die massiv ausgeführte Straßenfront des Flügels läuft in einer Flucht versprunglos durch. Ihre Fenstergewände sind in beiden Geschossen einheitlich profiliert und wiederholen im Obergeschoss die Profilierung der Erdgeschossfenster des Vorderhauses. Die Hoffront des Flügels wurde in Fachwerk ausgeführt. Zur Straßenseite hin lagen drei Wohnräume, deren südlicher ein in ihrem Bestand bestens erhaltene Bohlenstube darstellt. Das Fälldatum einer der Bohlen wurde mit 1530 bestimmt – offensichtlich handelt es sich daher um eine zweitverwendete Konstruktion, die jedoch anhand der Fundlage unzweifelhaft zum ursprünglichen Bestand des Seitenflügels zu rechnen ist. Als herausragender Befund ist ihre vermutliche Erstfassung in Gestalt einer Fladernbeklebung (Papierbögen mit aufgedrucktem ornamentalem Dekor) zu werten. Das weitaus stärker veränderte Teilgebäude 3 bildet den nördlichen Bereich des Seitenflügels, sein südliches Ende war weitgehend eingestürzt. An beiden Enden sind balkengedeckte Einfahrten in den Hof angeordnet, denen rundbogige Tore an der Fassade entsprechen. Die dendrochronologische Datierung der Gebäude 2 und 3 ergab ein Baujahr 1576/77. Sie wird von der Jahreszahl einer Bauinschrift bestätigt, diese über der nördlichen Einfahrt angeordnete Reliefplatte nennt den Hausnamen und das Datum 1577 (DER LAVBSTEIN BIN ICH GENANNT 1577).

Die nächstfolgende Bauphase besteht aus dem Nordteil des Gebäudes 5, das mit dieser Maßnahme bis an die Marstallstrasse heran verlängert wird. In seinem Nordteil führt eine schräg geführte Einfahrt in den hinteren Hofbereich. Im inneren flachgedeckt, begrenzt sie zur Fassade ein rundbogiger, wappengeschmückter Torbogen. Der Bogen zum Hof wurde 1717 erneuert. Die dendrochronologische Datierung ergab ein Baujahr 1610/11.

In allen untersuchten Baukörpern existierten umfänglich Ein- und Umbauten des 19. und 20. Jahrhunderts. Über alle Gebäudeteile hinweg hat sich eine der geschlossensten und am besten erhaltenen renaissancezeitlichen Dachlandschaften erhalten. Durch die Nutzung als Brauereigebäude im späten 19. und 20. Jahrhundert wurde in den Hofbereich ein Mälzturm eingesetzt, der im Zuge der Umbaumaßnahmen gänzlich entfernt wurde und durch einen modernen Stahl-Glasbau ersetzt wurde. Die sehr viel älteren Kelleranlagen wurden in ihrer Ganzheit beibehalten und in die Nutzung der Gesamtanlage nicht miteinbezogen. Somit stehen die mittelalterlichen Kelleranlagen separat einer Besichtigung zur Verfügung.

Leider ist es nicht ausgeblieben, dass Räume – wie auch bereits in der Vergangenheit – zur Erfüllung des Raumprogramms neu aufgeteilt werden mussten. Dies ist durch Leichtbaukonstruktionen geschehen, die aber durch Verglasungen oberhalb der Türen die Raumstruktur erkennen und erleben lassen. Insgesamt wurden in dem Gebäudeensemble rund 3.400 qm Nutzfläche ermöglicht, wodurch die thüringische Staatskanzlei eine direkte Erweiterung ihrer bisherigen Räume ermöglicht wurde. Verbunden sind die beiden Gebäudeensembles durch einen verglasten Steg. Die ehemaligen Gasträume des „Hauses Vaterland“ dienen heute als europäisches Informationszentrum und sind der Öffentlichkeit voll zugänglich.

Durch die Nutzung der bei der Stromerzeugung anfallenden Abwärme im KWK-Prozess erreichen wir einen Wirkungsgrad von 85 Prozent. Somit wird eine hohe Effizienz erlangt, die sich besonders ressourcenschonend und emissionsmindernd auswirkt.

Durch die neuen Technologien in der Gas- und Dampfturbinenanlage (GuD) konnte z.B. der für den sauren Regen verantwortliche SO2-Ausstoß gegenüber der Altanlage von 2.965 Kilo/Std. auf 0 reduziert werden. Gleiches gilt für den Staubausstoß, der von früher 75,7 Kilo/Std. ebenfalls auf den Wert von 0 abgesenkt werden konnte. Auch bei den anderen Luftschadstoffen, wie NOX und CO ist z.T. eine Minderung auf ein Drittel der ursprünglichen Werte erreicht worden. Die Entscheidung für eine Fernwärmeversorgung des „Hauses Vaterland“ in Erfurt war somit auch eine Entscheidung für eine ökologisch und ökonomisch zukunftsweisende Wärmeversorgung.

Adresse
Regierungsstraße 72
99084 Erfurt

Planungsbüro
ARCHITEKTUR MARGGRAF, Filderstadt

Bauherr
Robert Drosten, Goethestraße 39, 78713 Schramberg

Fertigstellung
2002

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Letzte Aktualisierung dieser Seite am: 10.11.2011. Alle Angaben auf dieser Seite werden durch das Büro ARCHITEKTUR MARGGRAF, Filderstadt auf freiwilliger Basis verwaltet. Das Büro ist für den Inhalt dieser Seite selbst verantwortlich. Die Angaben werden von der Architektenkammer Thüringen nicht geprüft.

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