Studienzentrum der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek · Weimar

Prof. Karl-Heinz Schmitz Prof. Hilde Barz-Malfatti, Weimar

Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek ist mit ihren mehr als 900.000 Büchern aus 12 Jahrhunderten eine Schatzkammer besonderer Art. Der Rokokosaal im Grünen Schloß war historischer Schauplatz der Weimarer Klassik, mit Kunstwerken und Büchern ausgestatteter Erinnerungsort und Magazin für die Bibliothek gleichzeitig. Die Bibliothek stand mehr als 35 Jahre lang unter Goethes Leitung.

Der Brand vom 2. September 2004 hat das Stammgebäude stark in Mitleidenschaft gezogen, zur Vernichtung von 35 Kunstwerken und 50.000 Bänden vor allem des 17. und 18. Jahrhunderts einschließlich der Musikalien geführt sowie weitere 62.000 Bände zum Teil stark beschädigt. Es handelt sich um den größten Bibliotheksbrand in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Nur wenige Wochen später wären die gesamten Buchbestände im Erweiterungsgebäude, dem neuen Studienzentrum mit Tiefmagazin, sicher untergebracht gewesen.

Die bauliche Erweiterung, die am 4. Februar 2005 planmäßig zur Nutzung freigegeben wurde, ist dennoch von essentieller Bedeutung. Sie bietet nun die Chance, die Wiederherstellung des Verlorenen zu organisieren und zugleich das seit vielen Jahren verfolgte Bibliothekskonzept weiterzuentwickeln. Die Herzogin Anna Amalia versteht sich in erster Linie als Forschungsbibliothek für Literatur- und Kulturgeschichte mit Schwerpunkt auf der deutschen Literatur von der Aufklärung bis zur Spätromantik.

Geschichte und Bestände

Die Vorgeschichte der Bibliothek reicht ins 16. Jahrhundert zurück, doch gilt als eigentlicher Gründungsakt die Anweisung des Herzogs Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar (1662-1728) aus dem Jahr 1691, die fürstliche Büchersammlung zu ordnen und zu verzeichnen. Von da an wurde die Bibliothek, die zunächst im StadtSchloß untergebracht war, zielgerichtet vermehrt und verwaltet. Der berühmte Wittenberger Gelehrte Conrad Samuel Schurzfleisch wurde 1706 zum Bibliothekar ernannt. Eine größere öffentliche Wirkung konnte die Bibliothek jedoch erst in einem eigenen Gebäude entfalten, das ab 1766 zur Verfügung stand: Herzogin Anna Amalia (1739-1807) ließ das „Grüne Schlösschen„ aus dem 16. Jahrhundert als Bibliothek umbauen und den repräsentativen Rokokosaal einrichten. Von 1797 - 1832 stand die Bibliothek unter Goethes Leitung. Er gab ihr eine moderne Bibliotheksordnung, sorgte für den systematischen Ausbau der Bestände und legte den Grund für den Aufschwung der Bibliothek, die mit einem Bestand von damals 80.000 Bänden zu den bedeutendsten Sammlungen in Deutschland zählte. Im späteren 19. Jahrhundert setzte eine Phase der Musealisierung ein.

Im Jahr 1919 erhielt die Großherzogliche Bibliothek den Namen Thüringische Landesbibliothek und sollte im neugebildeten Freistaat auch volksbildnerische Aufgaben erfüllen. 1969 wurde sie mit der kleineren Institutsbibliothek der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten vereinigt und übernahm deren Namen, nämlich "Zentralbibliothek der deutschen Klassik". Von diesem Zeitpunkt an hat sie sich auf das Spezialgebiet Deutsche Literatur der Periode 1750 bis 1850 konzentriert und die Funktion einer Regionalbibliothek allmählich aufgegeben. Seit 1991, dem 300jährigen Bibliotheksjubiläum, nennt sie sich zu Ehren ihrer wichtigsten Patronin "Herzogin Anna Amalia Bibliothek". 2003 wurde die Bibliothek der ehemals städtischen Kunstsammlungen mit ca. 50.000 Bänden in die Herzogin Anna Amalia Bibliothek integriert. Zusammen mit anderen Weimarer Stätten der deutschen Klassik gehört das Bibliotheksgebäude zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Unter den wertvollsten Beständen sind die 2000 mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handschriften – darunter eine prächtige Biblia pauperum aus der Zeit um 1340 – hervorzuheben sowie die Stammbücher, Inkunabeln, Globen,10.000 Landkarten und Altlanten aus dem 16. bis 19. Jahrhundert, die weltweit größte Faust-Sammlung, die Shakespeare-Bibliothek, Nietzsches Privatbibliothek, die Bibliotheken von Liszt, der Familie von Arnim oder von Georg Haar mit Buchkunst des 20. Jahrhunderts. All diese Sondersammlungen einschließlich der Luther-Bibel aus dem Jahr 1534 wie auch der Kernbestand der Literatur der klassischen Zeit sind vom Feuer weitgehend verschont geblieben.

Neues Gebäude
Für das neue Studienzentrum wird ein für die Geschichte Weimars bedeutsamer historischer Gebäudekomplex mit dem Roten und Gelben Schloß nutzbar gemacht. Das Rote Schloß ist das älteste und architektonisch interessanteste Gebäude, das 1576 als Witwensitz für die Gemahlin des Herzogs Johann Wilhelm, Dorothea Susanna, errichtet wurde. Bereits um 1630 wurde hier einmal der Buchbesitz von Herzog Wilhelm IV. aufbewahrt, ein Bestand, der zum Teil in die spätere Herzogliche Bibliothek eingeflossen ist. Der Schlösserkomplex ist ein Gefüge verschiedenartiger Baukörper aus unterschiedlichen Bauepochen (Renaissance, Barock bis Überformungen nach den Kriegszerstörungen). Es diente zuletzt als Sitz städtischer Behörden. Für die Herzogin Anna Amalia Bibliothek ist es ein großer Gewinn, daß mit der Einbeziehung der benachbarten Liegenschaft eine räumliche Zersplitterung vermieden werden konnte. Die Idee der „einen Bibliothek„ wird baulich realisiert, denn die Baukörper sind auch unterirdisch miteinander verbunden.

Mit dem Studienzentrum werden nicht nur neue Flächen für die Bibliothek geschaffen, sondern es wird das Konzept einer nutzerorientierten Forschungsbibliothek umgesetzt. In einer Forschungsbibliothek steht die Arbeit mit den oft sehr seltenen historischen Beständen im Mittelpunkt. Hauptzielgruppe unter den Bibliotheksbenutzern sind Wissenschaftler, die – zum Teil im Rahmen eines längeren Studienaufenthaltes – an Ort und Stelle mit den Quellen arbeiten. Darüberhinaus gibt die Bibliothek regelmäßig bibliographische Informationen heraus und stellt Kopien ihrer Bestände (Reprints, Papierkopien, Filme, Digitalisate) her, um Literaturwünsche von auswärts zu erfüllen. Sie ist dem nationalen und internationalen Leihverkehr angeschloßen.

Das Dienstleistungskonzept des Studienzentrums sieht u.a. vor:

  • 130 komfortabel ausgestattete Leseplätze statt bisher 30
  • drastische Erweiterung der Öffnungszeiten (bis 21 Uhr) ab 4.4.2005
  • Systematische Freihandaufstellung eines beträchtlichen Teils des Bestandes
  • Reduzierung der Bereitstellungsfrist des magazinierten historischen Buchbestandes von 24 Stunden auf 25 Minuten
  • Präsenzhaltung der wichtigsten Forschungsliteratur
  • Angebot einer Fotothek und Mediathek
  • Arbeitsplätze für Sehbehinderte und Blinde
  • Veranstaltungsflächen und Gruppenarbeitsraum

Architektonischer Entwurf
Die Planungs- und Bauzeit für das neue Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek erforderte fast fünf Jahre. Eine wesentliche Herausforderung der Aufgabe bestand darin, die umfangreiche Erweiterung, deren Volumen ein vielfaches des historischen Bibliotheksgebäudes ausmacht, innerhalb des denkmalgeschützten Weimarer Schlösserbezirks städtebaulich zurückhaltend einzufügen. Hierfür wurden sieben Bestandsbauten umgenutzt und durch zwei oberirdische und drei unterirdische Neubauten ergänzt.

Den im Stadtraum sichtbaren Teil des Ensembles bildet die in ihrer Grundtypologie und im äußeren Erscheinungsbild erhaltene Hofanlage aus unterschiedlichen Bauepochen. Sie wurde ergänzt durch den Eingangsneubau, welcher einen Vorgängerbau aus dem 19. Jh. ersetzt und durch ein Magazin, welches als gebaute Parkkante in Erscheinung tritt. Unter dem Platz der Demokratie verborgen liegt das 2-geschossige Tiefmagazin, welches Kapazität für eine Millionen Bücher besitzt und unterirdisch an Stammhaus und Studienzentrum angeschlossen ist.

Ein in den alten Innenhof eingesetzter Bücherkubus mit 16 verglasten Oberlichtern bildet das Kernstück der neuen Anlage und verleiht dem heterogenen Gefüge eine ruhige Mitte. Mit seinem Kontrast zwischen "rauher" Aussenseite aus Sichtbeton und "feiner Holzschale" im Innern und mit seinen umlaufenden Büchergalerien, ist dieser geometrische Innenraum ein zeitgemäßes Pendant zum Rokokosaal.

Um den Bücherkubus, der auch für Lesungen und andere Veranstaltungen genutzt werden kann, liegen auf verschiedenen Ebenen die öffentlichen Bereiche des neuen Studienzentrums. Diese wiederum sind umgeben von 46 Verwaltungsräumen, Spezialbereichen der Bibliothek und einem Konferenzraum.

Das Erdgeschoß des Studienzentrums ist als offener Informationsbereich angelegt mit Eingangshalle, Information/Ausleihe, Wartezonen, Garderoben, Katalog, Cafeteria, Mediathek, Fotothek und einem Hörsaal mit 48 Plätzen. Im Obergeschoss des Neubaus befindet sich der Lesesaal für die besonders geschützte Literatur mit 32 Leseplätzen und Sichtbezug zum Stammhaus. Die Freihandbereiche mit einer Kapazität von 200.000 Bänden und 100 weiteren Leseplätzen unterschiedlicher Art, 6 Carrels und einem Gruppenarbeitsraum befinden sich in den Ober- und Tiefgeschossen. Eine unterirdische Raumsequenz mit öffentlichen Magazin- und Lesebereichen stellt die Verbindung vom Kubus zum historischen Bibliotheksgebäude her.

Die Funktionsbelegung der Grundrisse im Bestand geht auf die unterschiedlichen historischen Bauten ein. Notwendige konstruktive Eingriffe zur Aufnahme der Buchbestände und damit hoher Deckenlasten wurden gezielt nur in Bereichen ohne denkmalpflegerisch bedeutende Originalsubstanz vorgenommen. Zu den baulichen Eingriffen gehören neben umfangreichen Bodenniveauveränderungen auch drei neue Treppenhäuser und die damit verbundene Reaktivierung der historischen Eingänge.

Die Freihandbereiche und Magazine sind aus Gründen der Bucherhaltung klimatisiert. Das Tiefmagazin wurde mit einer Sprinkleranlage ausgestattet, das Tresormagazin mit einer Sprühnebelanlage. Eine Buchförderanlage transportiert Bücher aus dem Magazin zu den Ausleihtheken im Neubau.

Für die Nutzer und Mitarbeiter der Bibliothek geht ein seit vielen Jahrzehnten als desolat empfundener Zustand zu Ende. Jetzt endlich können die wertvollen Buchbestände konservatorisch angemessen untergebracht werden. Die moderne wissenschaftliche Literatur ist zur direkten Benutzung freigegeben.

Ausblick
Die bauliche Neuordnung der Herzogin Anna Amalia Bibliothek ist erst abgeschloßen, wenn im Jahr 2007 das schon lange sanierungsbedürftige, nun auch durch den Brand getroffene Grüne Schloß wiedereröffnet wird. Dieses traditionsreiche Gebäude wird in Zukunft die Funktion eines Zentrums für das alte Buch bekommen. Hier werden alle musealen und bibliothekarischen Dienstleistungen gebündelt, die sich auf die ältesten und wertvollsten Bestände der Bibliothek erstrecken. Zum musealen Teil gehört mit dem festlichen Renaissancesaal im Erdgeschoss erstmals auch ein Ort für Buchausstellungen. Des weiteren werden im Grünen Schloß die Werkstatt für Buchrestaurierung und -konservierung, die Abteilung Sondersammlungen und die Direktion untergebracht. Die völlig verbrannte 2. Galerie des Rokokosaals wird nicht in der alten Form rekonstruiert, sondern dort wird ein Sonderlesesaal entstehen. An diesem Ort können Handschriften, Inkunabeln, Musikalien, Landkarten, Globen etc. und Teile der Sondersammlungen, die besondere Benutzungsbedingungen verlangen, studiert werden. Leitgedanke ist, das Grüne Schloß nicht völlig zu musealisieren, sondern das Haus wie in der Vergangenheit lebendig zu halten – als Lern- und Forschungszentrum für das alte Buch. Die Restaurierung des historischen Bibliotheksgebäudes mit dem Gesamtkunstwerk aus Büchern, Büsten und Bildern bildet die zweite bauliche Voraussetzung für das Konzept Forschungsbibliothek.

Projektbeteiligte und Kennziffern
Bauherr: Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen
Projektsteuerung: Drees & Sommer AG Erfurt
Finanzierung: Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch die Beauftragte der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien, Freistaat Thüringen, vertreten durch das Thüringer Kultusministerium
Nutzfläche: 7.130 qm
Bruttogeschossfläche: 15200 qm davon ca. 40 % unterirdisch
Bruttorauminhalt: 54214 cbm
Entwurfs- und Ausführungsplanung: Prof. K.-H. Schmitz, Prof. H.Barz-Malfatti, Weimar, Mitarbeiter: Susanne Dieckmann, Rainer Niemann
Baudurchführung: Rittmannsperger+Partner, Erfurt, Mitarbeiter: Christian Reschat
Tragwerk: Pichler Ingenieure GmbH, Berlin
Gebäudetechnik: Ingenieurbüro Six, Rudolstadt / Weimar, b.i.g. bechtold Ingenieurgesellschaft mbH, Weimar
Freiflächen: DANE Landschaftsarchitekten, Weimar
Kunstlicht: LICHT KUNST LICHT GmbH, Berlin
Fassadentechnik: R+R Fuchs, München
Brandschutz: Hosser, Hass + Partner Ingenieurgesellschaft mbH, Braunschweig
Bauphysik / Raumklima: BBS Ingenieurbüro Gronau & Partner, Weimar
Schwingungsgutachter: Prof. Dr.-Ing. Stühler, Berlin
Baugrund: Ingenieurbüro für Baugrund Jacobi, Erfurt
Vermessung: Ingenieurbüro Holfeld, Weimar
Bauarchäologie: Büro für Archäologie, Denkmalpflege und Bauforschung, Weißensee
Restauratoren: Dorothee Proft, Weimar
Beweissicherung: Ingenieurbüro für Bauwerkserhaltung, Weimar
Sigeko: Dekra Umwalt GmbH, Erfurt
Bauausführung: An der Bauausführung waren über 50 Baubetriebe beteiligt.
Die Bauhauptleistung erbrachte WBB Umpferstedt.

Texte: Hilde Barz-Malfatti, Jürgen Beyer, Michael Knoche, Karl-Heinz Schmitz
Fotos: Ulrich Schwarz

Weitere beteiligte Architektur-/ Stadtplanungsbüros:
Prof. Karl-Heinz Schmitz, Weimar
Rittmannsperger + Partner, Erfurt
DANE Landschaftsarchitekten • Stadtplaner • Ingenieure, Weimar

Adresse
Platz der Demokratie 4
99423 Weimar

Planungsbüro
Prof. Karl-Heinz Schmitz Prof. Hilde Barz-Malfatti, Weimar

Bauherr
öffentlich

Fertigstellung
2005

Preise/Auszeichnungen
architektourpreis 2005
Thüringer Staatspreis für Architektur und Städtebau 2006

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Letzte Aktualisierung dieser Seite am: 15.06.2018. Alle Angaben auf dieser Seite werden durch das Büro Prof. Karl-Heinz Schmitz Prof. Hilde Barz-Malfatti, Weimar auf freiwilliger Basis verwaltet. Das Büro ist für den Inhalt dieser Seite selbst verantwortlich. Die Angaben werden von der Architektenkammer Thüringen nicht geprüft.

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