Zentraler Omnibusbahnhof mit P + R · Heilbad Heiligenstadt

Architekturbüro Stadermann - Architekten BDA, Niederorschel

Fertigstellung: Januar 2004
Bausumme: 2.145.000 EUR

Die Anlage des Zentralen Omnibusbahnhofes mit „Park und Ride“ gliedert sich städtebaulich und funktional in zwei Bereiche. Die im nordwestlichen Teil angeordnete Parkplatzanlage bildet den Rücken für den vorgelagerten, sich in Richtung Bahnhofsvorplatz orientierenden Zentralen Omnibusbahnhof. Die entstehende, durch einen Grünzug mit großkronigen Bäumen markierte städtebauliche Kante, wird durch die südliche Begrenzung des Grundstücks der Caritas fortgeführt und unterstrichen.

Zwischen ZOB und Bahnhofsvorplatz integriert sich als Bindeglied die Insel für den Stadtbusverkehr. Sie kann in Verbindung mit dem ZOB sowie auch getrennt angefahren werden, was eine hohe Flexibilität erzeugt. Diese Anordnung gewährleistet die Nutzung von Bus-, Bahn- und Stadtlinie auf kürzesten Wegen und den ständigen Blickkontakt zwischen den verschiedenen Verkehrsmedien.

Die entstandene Erschließungsachse in südwestlich/ nordöstlicher Richtung vom ZOB über die Stadtbusinsel zum Bahnhofsvorplatz (Richtung Innenstadt) wird in nordwestlich/ südöstlicher Richtung von Wegeführungen durchkreuzt. Diese verbinden in kurzer Distanz die Busbahnhofsinsel mit dem Gymnasium, dem neuen und dem vorhandenen Parkplatz sowie mit dem Bahnhofsgebäude als Direktverbindung zwischen Caritas und neuem Parkplatz.

Die Wegeverbindungen sind durch flankierende Grünbereiche aufgewertet und klar vom Verkehr getrennt.
Einen reibungsfreien Verkehrsfluss und eine optimale Ausnutzung gewährleisten die Verteilung des Busverkehrs auf zwei Ein- bzw. Ausfahrten sowie die separate Parkplatzerschließung. Das ausgewogene Verkehrskonzept verzichtet auf aufwendige verkehrstechnische Leit- und Signaleinrichtungen.

Die städtebauliche Fassung der Anlage zu Bahnhofstraße und Rengelröder Weg bildet der Grünzug im Süden des Grundstücks. Er umschließt, vervollständigt durch neue Bepflanzungen, den ZOB wie ein grüner Gürtel und wirkt gleichzeitig als akustischer und optischer Puffer zur umliegenden Bebauung. Die ehemalige Industriebrache hat eine deutlich spürbare Metamorphose zur „grünen Insel“ vollzogen.

Aus den Zielsetzungen eines modernen, zeitgemäßen ÖPNV sind die Busanlegestellen als überdachte Insellösung mit Funktionsgebäude zusammengefasst. Die Anlegeinsel ist für die gleichzeitige Frequentierung von 6 Bussen ausgerichtet. Weiterhin sind zwei Bereitstellungsparkplätze entlang des Fußweges vorgehalten. Durch die sägezahnartige Form der Insel ist das Befahren und Verlassen der Haltestellen ohne schwierige Fahrmanöver innovativ gelöst. Die Verwendung von speziellen Profilsteinen für den Anfahrtsbereich garantiert eine reifenschonende und sichere Einfahrt sowie das barrierefreie Einsteigen auf der Basis einer niederflurgerechten Haltestelle.

Die Oberfläche der Warteinsel ist in unterschiedlichen Farben und Strukturen als Blindenorientierungspflaster angelegt. Die verschiedenen Qualitäten ermöglichen eine sichere Führung Sehbehinderter in Form von Warn- und Orientierungsstreifen entlang der Haltestellen bis zum Einstiegsfeld. Die Oberflächen sind leicht pflegbar und wartungsarm.

Das in der Hauptachse platzierte Funktionsgebäude ist in zwei Bereiche gegliedert. Der runde Warteraum mit Servicebereich, Auskunft und gastronomischer Betreuung der Fahrgäste ist transparent und offen gestaltet. Der Technikbereich mit WC`s hingegen ist mit glatten großformatigen Blechtafeln bekleidet, klar strukturiert und gerastert.

Die Informationsmedien wie dynamische Fahrgastinformationen, Stadtinformation etc. sind ebenfalls behindertengerecht und gut sichtbar in der Hauptausrichtung der Anlage zwischen den Stützen der Dachkonstruktion angeordnet. Die Beleuchtung ist in diese Elemente integriert und die Möblierung orientiert sich an der Grundordnung.

Die konstruktiven Elemente des Busbahnhofes sind methodisch dem Fundus der organischen Formen entnommen und nach den Prinzipien der Bionik entwickelt. Das Kunstwort Bionik setzt sich aus den Begriffen Biologie und Technik zusammen. Diese derzeit noch sehr junge Wissenschaft befasst sich mit der Übertragung der in Jahrmillionen entwickelten „Erfindungen der Natur“ in die Technik, zur Optimierung von Verfahren, Methoden und Konstruktionen. Dabei geht es nicht um das eins-zu-eins Kopieren
(in Form und Farbe), sondern vielmehr um das Lernen von der Natur und die technische Umsetzung der gefundenen Theorien zur optimalen Lösung von Aufgabenstellungen und Problemen.

Die Dachkonstruktion des ZOB spannt sich, wie ein Schirm schützend, schalenartig über die Busanlegeplätze und bietet mit ihrer transluzenten Hülle aus opalen Kunststoffglasplatten Wartenden Unterschlupf vor Witterungseinflüssen bei gleichzeitig hohem Lichteinfall. Sie legt sich über die Konstruktion und erhöht somit deren Lebensdauer. Die filigrane Stahl-/ Kunstglaskonstruktion unterstreicht nicht zuletzt mit zarter Linienführung und leichter Transparenz bewusst die Assoziation zu Vorbildern aus der Natur. Getragen wird die Überdachung von sich nach oben hin astartig zu einem räumlichen Tragwerk verzweigenden Stützen, die wie Bäume anmuten. Die feingliedrige, verzweigte Bauweise lässt geringe Bewegungen innerhalb der Konstruktion zu, Belastungen,
z.B. aus Windkräften, können leichter abgebaut werden. Die direkte Lastabtragung ohne Umlenkung über komplizierte Knotenpunkte oder große Profilquerschnitte spart Material gegenüber vergleichbaren konventionellen Konstruktionen.

Die bionische Bauweise bildet das Grundgerüst des Tragwerkes und definiert gleichzeitig das besondere und einzigartige Erscheinungsbild des neuen Busbahnhofes. Dieser direkte Ausdruck der konstruktiven Formalismen in der Gestalt ist ihre Eigenart. Weitere organisch geformte Elemente und Strukturen, wie z.B. der Abschluss des Sichtschutzelementes als freie farbige Wellenlinie geführt, unterstreichen das auf den natürlichen Formen basierende Gestaltungskonzept.

Die als Bindeglied zwischen ZOB und Bahnhofsvorplatz funktionierende Insel für den Stadtbusverkehr verfügt ebenfalls über einen filigranen Wetterschutz. Sie ist mit Sitz- und Anlehnmöglichkeiten und entsprechenden Informationsmedien ausgestattet. Der Passagier hat den ständigen Blickkontakt zu Bahnhofseingang und ZOB.

Der gewählte Formalismus sowie die Konstruktionselemente und Materialien erzeugen mit ihrer leichten Wirkung die moderne Sprache des neuen ZOB. Die grazile, transparente Gestalt moderner Architektur, gepaart mit dem historischen Flair der bestehenden Bebauung, schaffen einen spannungsreichen Kontext, welcher das Erscheinungsbild der Kurstadt Heiligenstadt nachhaltig aufwertet.

Kosten 1. Bauabschnitt (Busbahnhof incl. Grundstückserwerb, Abbruch bestehendes Industriegebäude): 1.900.000 €
Kosten 2. Bauabschnitt (Park und Rideanlage) 245.000 €
Länge: 64m, Breite: 18m, Höhe: 8m, Dachfläche: ca. 1000m², Bauzeit: Jan. 2003 – Jan. 2004

Architektur und Bionik
Das Kunstwort Bionik setzt sich aus den Begriffen Biologie und Technik zusammen. Diese derzeit noch sehr junge Wissenschaft befasst sich mit der Übertragung der in Jahrmillionen entwickelten optimierten „Erfindungen der Natur“ in die Technik, zur Optimierung von Verfahren, Methoden und Konstruktionen. Dabei geht es nicht um das eins-zu-eins Kopieren (in Form und Farbe), sondern vielmehr um das Lernen von der Natur und die technische Umsetzung der gefundenen Theorien zur optimalen Lösung von Aufgabenstellungen und Problemen.
In der Architektur-Bionik werden Konstruktionen nach den Formenbildungsgesetzen und Bauprinzipien der natürlichen Umwelt entwickelt und in die gebaute Umwelt übertragen. Es entstehen optimierte filigrane Tragwerke, die aufgrund ihrer ausgefeilten Bauweise höchsten Belastungen standhalten. Sie sind materialsparend gegenüber konventionellen Konstruktionen, da die Lasten direkt, ohne Umlenkung über komplizierte Knotenpunkte oder große Profilquerschnitte, abgetragen werden. Die bionische Bauweise bildet das Grundgerüst der Konstruktion und definiert gleichzeitig das einzigartige Erscheinungsbild des Bauwerkes. Dieser direkte Ausdruck der konstruktiven Formalismen in der Gestalt ist ihre Eigenart. Formen wie Muscheln, Blätter, Schildkrötenpanzer und Tragstrukturen wie Bäume, Getreidehalme, Bienenwaben und Termitenbauten bilden häufig die Grundlage für bionisch entwickelte Bauwerke.
Große Baumeister setzten früher bereits auf die Erfahrungen der Natur. Leonardo da Vinci z.B. verwendete beim konstruieren von Flugapparaten, Hebemaschinen und nicht zuletzt von Bauwerken seine Erkenntnisse aus Naturbeobachtungen. Die rasante technische Entwicklung in den letzten hundert Jahren begünstigt den Einsatz und die Umsetzung solcher Konstruktionen in der heutigen Zeit. Es entstanden in den vergangenen Jahrzehnten eine Vielzahl dieser Bauwerke wie z. B. die Überdachung des Münchner Olympiastadions. Der Einfluss der Bionik auf die Baukunst wird auch in Zukunft einhergehend mit dem technischen Fortschritt weiter steigen.

Adresse
Bahnhofstraße
Heilbad Heiligenstadt

Planungsbüro
Architekturbüro Stadermann - Architekten BDA, Niederorschel

Bauherr
öffentlich

Fertigstellung
2004

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Letzte Aktualisierung dieser Seite am: 29.05.2015. Alle Angaben auf dieser Seite werden durch das Büro Architekturbüro Stadermann - Architekten BDA, Niederorschel auf freiwilliger Basis verwaltet. Das Büro ist für den Inhalt dieser Seite selbst verantwortlich. Die Angaben werden von der Architektenkammer Thüringen nicht geprüft.

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