Bibliotheks- und Hörsaalgebäude der Bauhaus-Universität · Weimar

meck architekten, München

Der Entwurf des neuen Gebäudes der Bauhaus-Universität ist sehr stark durch den Bezug zu der historischen Bebauung in Weimar und das Thema des Einfügens in den Bestand einer innerstädtischen Bebauung geprägt.

Das Grundstück, ein ehemaliges Industrieareal, das der Öffentlichkeit nicht zugänglich war, liegt in unmittelbarer Nähe zum historischen Zentrum Weimars nahe Frauenplan und Goethehaus. Nach der Wende eröffnete sich mit der geplanten Umnutzung des Geländes und dem damit verbundenen Abbruch der nicht erhaltenswerten Bausubstanz die Möglichkeit, das Areal neu zu strukturieren und den Ort gleichzeitig wieder im Stadtraum zu vernetzen.

In diese Situation fügt sich ein Baukörper ein, der die Räume innerhalb dieses Blockes neu ordnet:
Der größere Bauteil des Bibliotheksgebäudes öffnet sich mit seiner großzügig verglasten Fassade zu einem Platz im Innern des Quartiers, dem Hochschulforum, während der Verwaltungsbereich und die Büros sich dem ruhigen Innenhof zum Frauenplan zuwenden.
Über Fußwegeverbindungen sowohl in Nord-Süd als auch Ost-West-Richtung und eine Folge öffentlicher Platz- und Hofräume wird der Ort des neuen Universitäts-gebäudes mit dem Stadtraum verknüpft.
Der Topographie des von Süd nach Nord fallenden Geländes folgend ist das Volumen des zweiten prägnanten Raumes, des Hörsaales, in den Geländesprung integriert, so dass zwei Zugangsbereiche auf Ebene der Bibliothek und des Hörsaals mit öffentlichem Foyer entstehen.

"Passstück"

Das Gebäude fügt sich als Passstück in die umgebende Bebauung zum "Frauenplan" ein.
Dabei geht es hier jedoch um mehr als nur um ein "Anpassen" im üblichen Sinne. Die neuen Baukörper passen sich ein in den städtebaulichen Kontext, brechen gleichzeitig aber aus dem Block aus. Mit einer deutlichen Geste artikuliert sich der Neubau des Bibliotheksgebäudes im Stadtraum der Steubenstraße und stellt sich weithin sichtbar als neues Gebäude im historischen Stadtinnern dar, dessen Bedeutung als besonderes öffentliches Gebäude dadurch augenscheinlich wird.
Dieser prägnante Baukörper, der den Bereich der Hochschulbibliothek beinhaltet, lehnt sich in seiner Gestaltung an das Bild eines Bücherregals an: Die Bibliothek erscheint wie ein großer Rahmen, einem Regal vergleichbar, in den über die Geschosse die Regalreihen eingestellt sind wie die Bücher in die Regalböden.
Im Innern ist die Bibliothek ganz mit Holz ausgeschlagen in Analogie zum Bild der "hölzernen Bibiliothek" der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, die ebenfalls als "hölzerner Korpus" in einen massiven Bau eingestellt wurde.
"Gespannte Haut"

Das Weimarer Stadtbild ist geprägt durch alte Gebäude, die als Fachwerkbauten konstruiert und mit Putz überzogen sind, so dass die Konstruktion noch ablesbar ist. Die Fassaden besitzen eine homogene und doch sehr lebendige Oberfläche. Sie erhalten ihren gestalterischen Reiz dadurch, dass die konstruktive Schichtung spürbar wird.

In Anlehnung an diese historische Bauweise ist die Fassadengestaltung des neuen Gebäudes eine zeitgemäße Interpretation eines alten Themas.
Der Neubau ist gänzlich in Stahlbeton realisiert und zwar - nicht nur aus Gründen der Wirtschaftlichkeit - ohne Anforderungen an die Oberflächenqualität. Die rohen Fassadenflächen werden nach der Fertigstellung nachbearbeitet. Poröse Stellen werden gespachtelt, Unebenheiten verschliffen. So entstehen lebendige Oberflächen mit leichten Unregelmäßigkeiten, die die Handschrift des "Machens" im doppelten Sinne tragen: Das Gießen des Betons wird ebenso augenscheinlich wie die Handschrift des Handwerkers beim Nachbearbeiten. Der Umgang mit der Fassadenfläche erfolgt hier ähnlich dem Prinzip wie ein Bildhauer einen Stein bearbeitet, indem er störende Stellen wegschleift, andere wiederum herausarbeitet.
In Analogie zu den historischen Fassaden, bei denen die Balken unter der Putzhaut lesbar sind, spiegelt die sichtbare Betonstruktur das Konstruktionsprinzip des neuen Gebäudes wider.

Materialsichtigkeit und Farbgebung

Die besondere Qualität der Oberfläche liegt in der Materialsichtigkeit und der lebendigen Struktur der Betonoberfläche begründet, die durch den lasierenden Anstrich erhalten bleibt und ihre eindrückliche Wirkung dadurch erhält, dass die Oberflächen nur partiell und nicht flächig nachbearbeitet werden.
Die Flächen wirken wie eine gespannte Haut und erinnern dadurch gleichzeitig an das Erscheinungsbild der historischen Fassaden in Weimar. Dieser Bezug wird durch die Farbgebung mit einer dunkelgrauen Lasur, ein Farbton, der typisch im historischen Stadtbild von Weimar ist, noch unterstrichen.

Weitere beteiligte Architektur-/ Stadtplanungsbüros:
gildehaus.reich architekten, Weimar

Adresse
Steubenstraße 6
99423 Weimar

Planungsbüro
meck architekten, München

Bauherr
Freistaat Thüringen vertreten durch Staatsbauamt Erfurt

Fertigstellung
2005

Preise/Auszeichnungen
Thüringer Staatspreis für Architektur und Städtebau 2006

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Letzte Aktualisierung dieser Seite am: 02.08.2017. Alle Angaben auf dieser Seite werden durch das Büro meck architekten, München auf freiwilliger Basis verwaltet. Das Büro ist für den Inhalt dieser Seite selbst verantwortlich. Die Angaben werden von der Architektenkammer Thüringen nicht geprüft.

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