Die BUGA als Motor der Stadtentwicklung: Chancen für einen nachhaltigen Qualitätssprung im Erfurter Norden
Interview mit Paul Börsch, Leiter des Amtes für Stadtentwicklung und Stadtplanung in Erfurt
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Gertrudis Peters: Herr Börsch, die Stadt Erfurt erhielt am 22.12.2011 den Zuschlag zur Ausrichtung einer Bundesgartenschau im Jahr 2021. Welche Aufgabe kommt Ihrem Amt bei der Vorbereitung der BUGA zu?
Paul Börsch: Als das Thema BUGA aktuell wurde, haben wir sofort gedacht, es gibt damit neben der ega auch eine große Chance für die Stadtentwicklung im Erfurter Norden: Also haben wir das strategische Leitprojekt für ein „Grünes Geraband“ von der Altstadt bis hinaus nach Gispersleben für die BUGA-Machbarkeitsstudie weiterentwickelt. Aktuell bereiten wir mit den Projektpartnern den Wettbewerb für den Kernbereich der „Nördlichen Geraaue“ vor. Ein Großteil dieser Projekte sind Stadtumbaumaßnahmen, die der langfristigen Stabilisierung und Aufwertung der Wohnquartiere dienen. Hier sind wir im Rahmen der Städtebauförderung zuständig. Ein wichtiges städtebauliches Thema ist die Qualifizierung der städtischen Ränder an der Nahtstelle zur Geraaue – da gibt es gemeinsam mit den verschiedenen Eigentümern und Wohnungsunternehmen noch viel zu tun.
Welche Chancen bietet die BUGA für die Stadt Erfurt?
Mit Großprojekten wie einer BUGA kann man die Gewichte und Setzungen in einer Stadt neu austarieren. Es ist faszinierend, wie diese Stadt völlig unbeirrt von zwei Weltkriegen, der Nazidiktatur und 40 Jahren Sozialismus sich bis auf den heutigen Tag die sozialräumliche Binnengliederung aus der Kaiserzeit bewahrt hat. Das zeugt von Kontinuität und Traditionsbewusstsein, ist aber eine enorme Bremse für die zukunftsfähige Entwicklung einer dynamischen, kompakten „Europäischen Stadt der kurzen Wege“. Das reicht bis hin zu den teils absurden Disparitäten am Wohnungs- und Immobilienmarkt. Hier können wir jetzt einen großen Hebel ansetzen und neue Entwicklungsrichtungen aufmachen.
In der Morphologie des Erfurter Stadtgrundrisses ist genau das gleiche Element angelegt wie in München mit dem Englischen Garten: Ein langes grünes Band am Fluss entlang bis hinaus in den Landschaftsraum,
das direkt über Eck an die Altstadt angeschlossen ist. Die nördliche Geraaue ist sogar gleich lang wie der Englische Garten, dafür nur etwa ein Drittel so breit, aber immerhin! Wenn Sie sich heute durch diesen Raum bewegen, erleben Sie nur einzelne, voneinander isolierte, eher freudlos wirkende Wohngebietsparks und dazwischen schlimme Durststrecken, Engstellen, Zäune, Brachen.
Immerhin wohnen 60 000 Einwohner im fußläufigen Einzugsbereich der Geraaue, und sie wohnen überwiegend in Stadtteilen, die zwischen 1998 und 2008 einen schmerzhaften Anpassungsprozess hinter sich gebracht haben. Jetzt geht es darum, diese konsolidierten Stadtteile dauerhaft wirklich stabil und attraktiv zu machen und sie über ein durchgehendes grünes Rückgrat mit hoher Freizeitqualität fußläufig an die Altstadt anzubinden. Zugleich können in den attraktiven Randzonen Flächenreserven für neuen, nachhaltigen Wohnungsbau mobilisiert werden, der die Stadtteile mit dem Umfeld verwebt und zu einem ganz normalen, guten Stück Stadt macht.
Insgesamt können wir mit der BUGA das Profil der Stadt und ihrer Lebensqualität nach innen und außen entscheidend stärken. Dass wir das wesentlich auch im Norden der Stadt tun können, ist doch wunderbar!
Das BUGA-Gelände umfasst eine Fläche von rund 125 Hektar und erstreckt sich entlang der Gera vom Kilianipark, dem Wohngebietspark Rieth und dem Nordpark im Norden über den Petersberg bis hin zum egapark im Süden der Stadt. Im DAB 9/2013 hatten wir über die Kernfläche egapark berichtet. Was ist für die nördliche Geraaue geplant? Wo liegen die größten Herausforderungen?
In der nördlichen Geraaue besteht klar der größte Gestaltungsspielraum. Deshalb lasse ich mich gerne von den Ergebnissen des Wettbewerbs überraschen. Vieles werden wir noch mit der Bevölkerung und den Anwohnern gemeinsam weiterentwickeln. Aber es gibt natürlich auch ein paar Herausforderungen, die man schon heute benennen kann: Der denkmalgeschützte Nordpark wird um die Brachen der ehemaligen Jugendsportschule und der alten Kläranlage erweitert. Für die Querung über der Straße der Nationen ist eine großzügige, barrierefreie Fußgängerbrücke erforderlich, die sorgfältig in die beiden Parkteile integriert werden muss. Mit der Renaturierung der Gera eröffnen sich ganz neue Perspektiven auf die Erlebbarkeit des Elements Wasser: Im Bereich des ehemaligen Heizkraftwerks in Gispersleben wird eine große Flußschleife angelegt, auf diesen Brachflächen wird ein vollständig neues Stück Park entstehen.
Durch welches Planungsverfahren soll die Umsetzung der Ziele vorbereitet werden? Wann ist damit zu rechnen?
Für den Kernbereich der Nördlichen Geraaue wird Anfang 2014 ein offener, zweiphasiger freiraumplanerischer Realisierungswettbewerb ausgelobt.
Welche Vorteile sehen Sie in einem zweiphasigen Wettbewerb?
Es geht darum, für diese große Strecke eine überzeugende inhaltliche Klammer mit hohem Wiedererkennungswert zu finden. Sie muss offen und variabel genug für ganz verschiedene Einzelthemen und Charaktere sein und sie muss trotzdem aus jedem noch so kleinen Punkt erkennbar wieder hervorblitzen. Erst wenn das geklärt ist, kann man ernsthaft in den Vorentwurf einsteigen und das Thema auf den Flächen durchdeklinieren. Dafür ist der zweiphasige Wettbewerb ideal.
Der Petersberg zählt zu einer weiteren Kernfläche des BUGA-Konzeptes. Was ist für diesen Standort geplant?
Der Petersberg wird die Innenstadt-Repräsentanz der BUGA, mit zentralen Veranstaltungsflächen und viel Freiraum, mittendrin über den Dächern der Altstadt. Bis dahin müssen das obere Plateau mit der Defensionskaserne und der Peterskirche umgestaltet sein. Wir wünschen uns, dass sich hier der Freistaat präsentiert und auf die vielfältigen Park- und Gartenthemen aus den Regionen Thüringens verweist. Da gibt es übrigens spannende Anknüpfungspunkte an die Internationale Bauausstellung… Mit der BUGA besteht auch die einmalige Chance, ein zeitgemäßes, dem Ort angemessenes Transportmittel vom Domplatz auf das obere Plateau nachzurüsten, wie es viele andere Städte mit solchen Voraussetzungen seit der Gründerzeit besitzen. Wir reden hier immerhin über die Höhendifferenz eines Dreizehngeschossers! Ob wir das in diesem denkmalpflegerisch und stadträumlich hochgradig sensiblen Kontext inhaltlich und finanziell stemmen können, wird man sehen.
Wie wird es gelingen, die drei Kernflächen für den Besucher zusammenhängend erlebbar zu machen? Wo startet man seinen Besuch auf der BUGA?
Das liegt ganz stark am Ausstellungskonzept. Mit der Stadtbahn haben wir ein hervorragendes, alle Standorte auf kurzem Weg verbindendes ÖPNV-System als Rückgrat. Während der BUGA wird es eine Sonderlinie geben, die von Parkplätzen im Westen über die ega und den Domplatz direkt zum Nordpark und zu den verschiedenen Andockpunkten in der Geraaue bzw. dem Parkplatz im Norden führt.
Was wird für Sie ein Highlight sein?
Wenn die Erfurter bei schönem Wetter von der Krämerbrücke durch eine grüne Parklandschaft bis zum Kilianipark in Gispersleben joggen und im Sommer die jungen Leute ihre Beine in den Mühlgraben hängen – so wie sie es im Eisbach im Englischen Garten von München tun – dann, glaube ich, haben wir es geschafft…
Herr Börsch, wir wünschen Ihnen viel Erfolg für die Umsetzungsphase und danken Ihnen für das Gespräch.