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Fünfzig Jahre Architekt in Mitteldeutschland

Zum 80. Geburtstag von Prof. Dr.-Ing. habil. Dr. h.c. Joachim Stahr

Am 18. Mai 2009 gratulieren wir herzlich dem Weimarer Architekten Prof. Joachim Stahr zu seinen 80. Geburtstag, genauso, wie wir am gleichen Tag dem 126. Geburtstag von Walter Gropius gedenken. Beide eint die intensive theoretische und praktische Beschäftigung mit dem Massenwohnbau als Lösung städtebaulicher und sozialer Probleme, beide traten für eine nutzungs- und zugleich industrialisierungsgerechte Entwicklung des Wohnungsbaus ein.

Joachim Stahr wurde 1929 in Dermbach (Rhön) geboren. Nach dem Abitur nahm er eine Zimmermannslehre auf und studierte von 1948 bis 1953 Architektur an der Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar. Als Mitarbeiter am Lehrstuhl von Otto Englberger erlangte er alle wissenschaftlichen Qualifikationen, die ihn später auf die Professur für Wohn- und Gesellschaftsbauten führen sollten. Bereits mit seiner Dissertation aus dem Jahr 1959 zum Thema „Industrielle Fertigung im Wohnungsbau - Die Gestaltung des mehrgeschossigen Wohnhauses in Großplattenbauweise“ legte er ein weitblickendes Programm zur Lösung des Wohnraummangels in der frühen DDR vor. Die Verwirklichung seiner Entwürfe konnte er als Gruppen- und Abteilungsleiter im Wohnungsbaukombinat Erfurt über mehrere Jahrzehnte aktiv steuern. In den von ihm konzipierten Muster- und Experimentalbau in Weimar-Nord zog er mit seiner Familie selbst ein, womit die praktizierte soziologische Begleitforschung zum Komplex „Arbeiten und Wohnen“ für ihn zur teilnehmenden Beobachtung wurde.

Auf Joachim Stahr gehen u. a. die Typenentwürfe Wohnungsbaureihe Erfurt, vielgeschossige Wohnscheiben bzw. die WBR 85 zurück, Gebäudetypen, die bis heute vor allem die Neubaugebiete in Erfurt und Zentralthüringen prägen. Es wäre jedoch verfehlt, ihn allein auf die Architektur der Großserienbauweise zu reduzieren. Mit seinen zahlreichen Wettbewerbsbeiträgen, den realisierten Bauten wie z. B. der Oberschule in Sondershausen (1961), den innerstädtischen Einfamilienhäusern am Fischersand in Erfurt (1987), Pavillion elf der Internationalen Gartenschau in Stuttgart (1989) oder den Wohnterassen unterhalb der „Villa Ithaka“ in Weimar (1998/ 99) konnte Joachim Stahr überzeugend demonstrieren, wie sich Architektur an differenzierteste Nutzerbedürfnisse und konkrete Standortbedingungen anpassen lässt.

An der Vorgängerinstitution der heutigen Bauhaus-Universität Weimar wirkte er nach seiner Habilitation zunächst als nebenamtlicher Dozent, die Berufung zum ordentlichen Professor erfolgte 1971, in den Jahren 1974 bis 1980 stand er der Sektion Architektur als Direktor vor. Als langjähriger Vorstand im Bund der Architekten der DDR (BdA) und von 1967 bis 1975 als Erster Vorsitzender des Erfurter BdA-Bezirksvorstandes nahm er zudem Verantwortung für die berufsständischen Belange der Architekten wahr. Von der Technischen Universität Bratislava wurde er 1990 zum Ehrendoktor ernannt. Im Zuge der Neuausrichtung der Weimarer Universität wurde Joachim Stahr als einziger Lehrstuhlinhaber der ehemaligen Sektion Architektur zum Universitätsprofessor (C4) für Wohn- und öffentliche Bauten durch den Freistaat Thüringen berufen. Nach seiner Emeritierung 1994 arbeitete er als freier Architekt, zum Teil in Gemeinschaft mit seinem Sohn Sebastian.

Als geborener Südthüringer versäumt es Joachim Stahr auch trotz seines fortgeschrittenen Alters nicht, winters in seine selbstentworfene Skihütte nach Brotterode einzuladen und dort mit seinen Enkeln - wie ehedem mit seinern Kollegen, Studenten, Doktoranden etc. - den verschneiten Thüringer Wald per Ski zu erkunden.

Dem Jubilar seien noch viele derartige Gelegenheiten gegönnt, seine Architektur, wie auch sein Wirken als Ausbilder ganzer Architektengenerationen legen seit Jahrzehnten Zeugnis davon ab, was es heißt, als engagierter Architekt in Mitteldeutschland tätig zu sein.

Dr. Michael Eckardt, Erfurt

veröffentlicht am 22.04.2009 von Birgit Kohlhaas · Rubrik(en): News

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