Hiddensee als kreativer Ort in der Architekturlehre
Die Professur Bauformenlehre der Bauhaus-Universität Weimar beteiligt sich mit Entwürfen für die Gellenkirche Hiddensee an der diesjährigen Sonderausstellung im Heimatmuseum Hiddensee
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Text: Luise Nerlich
Eine Sonderausstellung des Heimatmuseums Hiddensee widmet sich seit Mitte Mai und noch bis Ende Oktober 2022 der Baubestandsaufnahme und der daraus resultierenden Perspektivplanung für Hiddensee, die der Architekt und Hochschullehrer Prof. Dr. Helmut Trauzettel mit Studierenden der TU Dresden in den 1960er-Jahren erarbeitet hat.
60 Jahre später thematisiert die Professur Bauformenlehre der Bauhaus-Universität Weimar erneut die Insel Hiddensee als einen kreativen Ort in der Architekturlehre. Unter der Leitung von Prof. DI DD Bernd Rudolf und Dr. Luise Nerlich beschäftigen sich Studierende seit 2016 mit der Insel als Entwurfsstandort für musikalische und tänzerische Erlebnisorte.
Ein Weg zur Architektur
Zur Methode der Projekte, die an der Professur Bauformenlehre entstehen: Im ersten Bachelor-Studiensemester im Studiengang Architektur fasst der „Erste Entwurf“ alle Schritte auf einem Weg zur Architektur in einem vielschichtigen, realitätsnahen Gestaltbild zusammen und erinnert die Studierenden nachdrücklich an wertvolle Erfahrungen der ersten Schritte ihres Semesters. Die bis dahin behandelten gestalterischen Kategorien wie Landschaft, Weg, Tor und Raum werden unter dem Begriff des Ortes zusammengefasst. Die Insel Hiddensee wird hier zur zentralen Metapher für die bewusste Suche nach benennbaren Qualitäten, sowohl in der Annäherung an den Raum als auch für den Aufenthalt vor Ort.
Ortserfahrung und Ortsaneignung auf Hiddensee
Einen Ort kann man nur vor Ort wahrnehmen. Nimmt man Raum oder Architektur wahr, so sieht man sich den Ort nicht einfach nur an, sondern setzt sich mit ihm in eine Beziehung. Zukünftige Architekten und Architektinnen müssen lernen, sich die Orte, an denen sie planen wollen, anzueignen: Sie müssen Formen, Grenzen, Zwischenräume erkennen, sie müssen den Genius Loci, also den Geist des Ortes, wahrnehmen und benennen können. Sie müssen sich mit den Farben, Materialien und Reflektionen des Kontextes auseinandersetzen und dabei alle fünf Sinne zur Anwendung kommen lassen: Eine Reise zum Ort des Ereignisses ist also unumgänglich.
Auf einer einwöchigen Exkursion auf die Insel Hiddensee machten sich die Studierenden mit der Insel und deren Besonderheiten vertraut. Jede/r Studierende führte ein Logbuch, in dem sie/er ihre/seine individuellen Beobachtungen festhielt. Schon vor der Reise planten sie ihre Werkzeuge und die Methoden, wie sie den Ort wahrnehmen werden.
Entwurfsmodifikation und Realisierung an der Bauhaus-Universität Weimar
Zurück in Weimar wurde eine Struktur entwickelt, die ihre kulturelle Wurzel in der Bauform nicht leugnet und zugleich offen ist für unterschiedliche musische Nutzungen auf der Insel. Die lebendige Trag-Struktur (Tensegrity) folgt den Regeln der sie umgebenden Natur und stellt zugleich ein offenes Gewölbe aus Linien dar, das dem luftigen Bauwerk eine geometrische Würde verleiht.
Eine wesentliche Erkenntnis der Studierenden ist die notwendige Prozesstauglichkeit der Planung vom Objekt bis zur Logik im Prozessablauf, Gebrauch und im Recycling. Serielles Bauen, Montagefreundlichkeit, Rückbaubarkeit und Nachhaltigkeit sind Aspekte, die an unserer Professur in der Lehre vermittelt werden.
Eine Mikro-Architektur im Maßstab 1:1, Aufbau und Event auf Hiddensee
Im Sommer 2018 wurde die „Gellenkirche“ an drei Orten auf der Insel Hiddensee von einem Team aus acht Studierenden aufgebaut und fotografisch dokumentiert. Der erste Aufbau erfolgte in unmittelbarer Nähe zur Inselkirche Kloster. Ein zweiter Standort war die Stelle, an der die ehemalige Gellenkirche am Strand südlich von Neuendorf noch heute in ihrem Fundament unter Wasser erkennbar ist. Der dritte Standort der architektonischen Intervention war Neuendorf im Kontext seiner inseltypischen Bebauung. In Kloster sowie am Gellen wurde die Gellenkirche durch Studierende der Palucca Hochschule für Tanz Dresden be- und ertanzt.
Virtueller Unterricht: perma.change – performative Architektonik
Die Sensibilisierung der Studierenden für Bewegung und Raumgefühl, um so Gestaltungsideen für Objekte und Räume zu generieren, war das Ziel des Workshops perma.change – performative Architektonik in Zusammenarbeit der Architektin Luise Nerlich und des Tanzpädagogen und Choreografen Massimo Gerardi im digitalen Wintersemester 2020/21.
Die körperliche Raumerfahrung soll den zukünftigen Gestaltern und Architekten Impulse geben, außergewöhnliche Konzepte und persönliche Strategien für Architektur und Raumgestaltung neu zu überlegen und zu entwickeln. Tanz und Körperbewegung sind dabei Inspirationsquellen zum Entwurf einer Baustruktur. Eigene Bewegungsmöglichkeiten und Positionierungen im Raum werden ausgelotet. Dieser Prozess steht einer tradierten Aneignung von rein theoretischen und anatomischen Kenntnissen gegenüber, um körpergerechte architektonische Elemente zu entwerfen.
Temporäre Bühnen für Tanz auf Hiddensee
Die künstlerische Zusammenarbeit mit dem Palucca-Tänzer und Choreografen Massimo Gerardi wiederum gab Impulse für den Entwurf einer Bühne für eine Palucca-Tanzwoche auf Hiddensee. Coronabedingt waren im Winter 2020/21 ein Unterricht in Präsenz und eine Exkursion nach Hiddensee nicht möglich. Im Rahmen der digitalen Lehre entstanden an der Bauhaus-Universität weitere Entwürfe zu temporären Bühnen für Tanz auf der Insel.
Weitere Informationen:
https://heimatmuseum-hiddensee.de/
Dr.-Ing. Luise Nerlich ist Architektin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur Bauformenlehre der Bauhaus-Universität Weimar sowie Mitglied im Vorstand der Architektenkammer Thüringen.