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Höchster deutscher Denkmalschutzpreis geht nach Gera

Geraer Höhler e.V. ausgezeichnet

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Silberne Halbkugel, Bild: Klaus Sorger

Text: Klaus Sorger

Das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz hat am 13. November 2017 den deutschen Denkmalschutzpreis – die silberne Halbkugel – an den Verein zur Erhaltung der Geraer Höhler e.V. vergeben. Der Deutsche Preis für Denkmalschutz ist auf diesem Gebiet die höchste Auszeichnung in der Bundes-republik Deutschland. Dieser Preis ist kein Architekturpreis oder ein Preis für Architekten. Warum berichten wir dann darüber?

Denkmalschutz und der Erhalt unseres reichen historischen Erbes ist ein Kernstück der Arbeit von Architekten und Stadtplanern. Bau- und Erinnerungskultur sind damit unmittelbar verbunden. Viele von uns denken sicher noch gern an die Vorlesungen in Architektur- und Kunstgeschichte während des Studiums zurück. Viele sind auf diesem Gebiet beruflich tätig. Andere gönnen sich diese Tätigkeit im Ehrenamt, ob im Denkmalbeirat oder im Heimatverein. Das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz würdigt mit diesen Preis Persönlichkeiten und Personengruppen, die durch ihre Initiative in selbstloser Weise einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung und Rettung von Gebäuden, Ensembles, Altstadtkernen, Dörfern und archäologischen Denkmälern geleistet haben. Ausgelobt werden:

  • der Karl-Friedrich-Schinkel-Ring,
  • die Silberne Halbkugel,
  • der Journalistenpreis und
  • der Internetpreis.

Sicher wird durch Bund, Länder und Kommunen Denkmalschutz in sehr hohem Maße betrieben und Vieles geleistet. Dies wurde von Dr. Martina Münch, Präsidentin des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz und Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, auch gewürdigt. Sie unterstrich aber ganz deutlich, dass ohne die vielen ehrenamtlichen „Denkmalschützer“ viele unzählige Denkmäler und Kulturgüter verloren gegangen und damit aus dem Bewusstsein der Bürger verschwunden wären. Dies wäre nicht nur ein Verlust an Kultur, sondern zugleich ein Verlust an Heimat und Identität von Städten und Regionen, kurz, unseren Wurzeln.

Auf Initiative der Architektenkammer Thüringen wurde deshalb der Verein zur Erhaltung der Geraer Höhler e.V. gemeinsam mit den Kuratoren der Höhler-Biennale Winfried Wunderlich, Sven Schmidt und der Projektleiterin Dr. Gitta Heil als Bewerber um die Silberne Halbkugel über die Bundesarchitektenkammer beim Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz eingereicht.

Was sind eigentlich Höhler? Höhler sind Tiefkeller, die sich über eine Länge von circa neun Kilometer unter den Gewölbekellern der Geraer Altstadthäuser erstrecken. Sie dienten im 17. Jahrhundert der Bierlagerung. Kühlschränke gab es ja noch nicht. Und Bier getrunken wurde auch zu dieser Zeit in reichlichem Maß. Immerhin gab es circa 230 dieser spätmittelalterlichen Kühlschränke. In den nachfolgenden Jahrhunderten verloren sie jedoch an Bedeutung und gerieten in Vergessenheit, waren dem Verfall preisgegeben. Die Erhaltung dieses wertvollen Kulturguts durch den Verein ist sicher lobenswert, aber reicht dies aus?

Als Architekten und Stadtplaner wissen wir, wie schwer es ist, alte Gebäude oder Stadtensembles zu erhalten. Wir können vermeintliches Desinteresse auch nicht nur auf den Bauherrn, dessen Nichtwollen oder die fehlenden finanziellen Mittel schieben. Oft ziehen öffentlicher und privater Bauherr mit uns an einem Strang. Selbstkritisch müssen wir uns eingestehen, dass wir zwar hochtrabende Ziele und Wünsche haben, aber eben auch oft genug nicht das richtige Nutzungskonzept, den richtigen Plan.

Genau diese gewünschte Symbiose zwischen Historie und neuer, attraktiver Nutzung brachten die Preisträger zu Stande. Alle zwei Jahre findet in den Sommermonaten in ausgewählten Höhlern die Höhler-Biennale, nun schon zum achten Mal, statt. Seit 2003 wird in den Höhlergängen und den Seitennischen Installationskunst in Szene gesetzt. Diese Installationen sind nicht nur reine Objektkunst, sondern werden sehr oft durch Lichtszenarien oder akustisch in ihrer einmaligen räumlichen Wirkung unterstützt und hervorgehoben. Zunehmend bewerben sich internationale Künstler um Teilnahme an diesem Event. Ein tolles Erlebnis für Jung und Alt.

Darüber hinaus bilden die „Höhlergeister“ für Kinder und die „Höhlerfantasien“ für Jugendliche eigene Formate in der Zeit zwischen den Biennalen. Gemeinsam mit dem Blinden- und Sehbehindertenverband wurde der „Höhler der Sinne“ geschaffen, um die Tiefkeller durch Tasten, Riechen und Laufen auf verschiedenen Untergründen erlebbar zu machen.

Der Erhalt und die Pflege unseres kulturellen Erbes, ob Unter- oder Übertage, gehört zu den originären Aufgaben der Architekten und Stadtplaner. Die Suche und das Finden neuer Lösungen und Nutzungen, das Rückholen wertvoller Bausubstanz in das Bewusstsein und Erleben der Bürger und Besucher ist nicht nur eine interessante und lohnenswerte Aufgabe, sondern aus Sicht der Architektenkammer auch wert, in die breite Öffentlichkeit getragen zu werden.

Klaus Sorger ist Mitglied des Vorstands der Architektenkammer Thüringen.

veröffentlicht am 24.11.2017 von Björn Radermacher · Rubrik(en): News

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