Neues Bauen am Jenaer Hausberg
Ein Beitrag vom Jenaer Stadtarchitekt Dr. Matthias Lerm
Blickt man auf zwanzig Jahre neue Baugebiete in den neuen Bundesländern zurück, fällt das Resümee zwiespältig aus: Es überwiegen die Beispiele, bei denen hastig auf entlegenen Flächen Fertighäuser hochgezogen wurden. Städtebau beschränkte sich auf die Sicherung der Erschließung. So war es auch in Jena, der erfolgreichen und aufstrebenden Wissenschaftsstadt in Mittelthüringen. Angesichts von Wohnungsleerständen unter 0,5 Prozent, von Fachkräften, die mangels Wohnung dem Ruf an andere Orte folgen und von vergleichsweise hohen Boden-, Kauf- und Mietpreisen hat der Stadtrat jüngst ein Papier zum Wohnen in Jena verabschiedet, das auf flächensparende, intelligente Wohnkonzepte setzt, um die knapp gewordenen Bauflächen im canyonartigen Saaletal gut auszunutzen. Einfache Lagen sind nicht mehr vorhanden, zumindest nicht in Reichweite des überaus lebendigen Zentrums der sich immer wieder verjüngenden alten Universitätsstadt.
Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass nun ein steil geneigtes Gartenland in den Fokus der Bauträger und Immobilienentwickler trat, idyllisch gelegen im unteren Drittel des Hausberges und Teil des amphitheatralischen Rundes, das die Innenstadt umschließt. Nach längeren Untersuchungen wurde klar, dass dazu eine wirtschaftliche und gebietsverträgliche Verkehrserschließung aus zwei hangparallelen Straßen, verknüpft durch Fußwege und Treppen, nötig ist (Abb. 1).
Damit war jedoch dem übergeleiteten Bebauungsplan von 1939 ausreichend Genüge getan und heutige Inhalte flossen in das nun offengelegte Bebauungskonzept des Fachdienstes Stadtplanung ein. Eine starke Identität soll durch Schaffung einer möglichst zusammenhängenden vielfältigen Bau- und Raumstruktur erzeugt werden (Abb. 2).
Dazu wird mit den Festsetzungen des überarbeiteten Bebauungsplanes versucht, nicht eine statische Baulösung vorzugeben, sondern Raum für ein sich entwickelndes, wandelbares Bauen zu geben – fast so, wie sich früher raumbildende Ortslagen entlang ihrer Wege und Straßen entfaltet haben. In einigen südeuropäischen Ländern lebt diese Tradition bis heute, wie einige in Bau befindliche vorbildliche Siedlungen etwa in Andalusien, Apulien oder auf den griechischen Kykladen (Abb. 3) belegen.
Dazu bedurfte es nur weniger Überlegungen, die in den zurückliegenden Dekaden des Schnell- und Einfachstbauens verlorengegangen waren: Die neuen Häuser sollen (wieder) an der Straße oder zumindest so nahe an dieser gebaut werden, dass sie in einen Dialog mit dieser treten, sie räumlich führen, gliedern und akzentuieren und ihr nicht nur eine Erschließungs-, sondern auch eine vielfältige Kommunikations-, Erlebnis und Spielfunktion geben. Dann wird ermöglicht, an den Nachbarn anzubauen, um den kostbaren Bauraum gut nutzen zu können, z. B. für verkehrsfreie Gartengrundstücke, und dazu einzuladen, die Garagen und Stellplätze im bzw. unter dem Haus einzuordnen (Abb. 4).
Freiraum ist Garten. Und schließlich ermöglichen diese Vorschriften bezüglich der Gebäudeanordnung, dass zwischen den Häuserzeilen sich zu terrassierten hangparallelen Grünzügen zusammenfügende Hausgärten entstehen. Dadurch kann man von jedem Haus, von fast jeder Etage aus, die herrliche Aussicht über die Innenstadt und die grünen Talhänge hin zum Sonnenuntergang erleben. Bewohner und Gäste sind schließlich eingeladen, von der kleinen Aussichtsterrasse an der oberen Straße und einem dort möglichen Café diesen kostbaren Blick zu erleben, etwa beim Aufstieg zur Wilhelmshöhe und zum Fuchsturm.
Als verbindendes Element bei aller individuellen Vielfalt dienen die Festsetzungen zu Flachdächern, der Verzicht auf Dachüberstände und weitere grobplastische Fassadengliederungen. Dadurch sollen sich die Einzelbauten zu einer zusammenhängenden Struktur verbinden. Die Parzellierungen werden sich erst beim Verkauf entwickeln, so dass nicht auszuschließen ist, dass sich die angestrebte Mischung der Gebäudetypologien von Villen über Einzel-, Doppel-, Ketten- und Reihenhäusern bis hin zu einigen Mehrfamilieneinheiten im Detail anders entwickelt, als im städtebaulichen Konzept dargestellt. Man darf gespannt sein, ob unsere Zeit in der Lage ist, nach Entwicklungsregeln mit großen Freiheitsgraden attraktive und gewünschte Lagen mit räumlichen und strukturellen Qualitäten entstehen zu lassen, wie sie „gewachsene“ Ortslagen aufweisen. Ziel wäre, eine zusammenhängende, lebendige Baustruktur am steilen Hang zu erreichen, die Jenas Mitte tagsüber mit interessanter Struktur, abends mit beleuchteten Fenstern rahmt – Ausdruck von Lebensfreude und Lebenslust in einer erfolgreichen Stadt.