„ad · vent“
Kompaktwoche an der Fakultät Architektur und Stadtplanung der Fachhochschule Erfurt
ad · vent
Old English, from Latin adventus, ‘arrival’, from advenire, from ad- ‘to’ + venire ‘come’
American Heritage Dictionary of the English Language, 4th Edition
Text: Prof. Joachim Deckert
Die Architekten und Stadtplaner der Erfurter Fachhochschule haben sich auf die Fahnen geschrieben, jenseits der üblichen Fähigkeiten ihren Studierenden etwas mitzugeben, das man als Kompetenz, kreativ Probleme zu lösen, bezeichnen könnte. Das heißt, wir versuchen mit einem Blick über den Tellerrand aufzuzeigen, dass die Methodik Probleme zu lösen, auch Parallelen aufzeigt, unabhängig davon, ob es um konkrete Gebäude- oder Stadtplanung geht oder um die Entwicklung und Realisierung einer fachfremden Idee. Dazu ist in jedem Semester eine Kompaktwoche vorgesehen.
Wie in jedem Jahr führte die Fakultät in der letzten Woche vor der Weihnachtspause eine solche Kompaktwoche durch. Dabei wurde der Normalbetrieb angehalten. Keine Vorlesungen, keine Seminare, nicht einmal die Arbeit am Projekt fanden in dieser Woche statt. Dafür war der Kopf der Studierenden frei für ein Thema, das so weit weg vom planerischen Alltag zu sein schien. Aus gegebenen Anlass widmete sich dieses Jahr das Thema „ad · vent“ (lat.: Ankunft) dem Ankommen in einem fremden Land: in Thüringen. Wir haben Geflüchtete eingeladen, zusammen mit den Studierenden zum Thema zu arbeiten. Etwa 60 Geflüchtete, überwiegend aus Syrien und Afghanistan, folgten der Einladung und erarbeiteten sehr intensiv in gemischten, semesterübergreifenden Gruppen ein breites Spektrum an Lösungen. Selbst die Mensa reagierte mit schweinefleischfreier Kost, auch wenn sie nicht akzeptierte, dass Studentenpreise für die Flüchtlinge angemessen seien. Schließlich übernahmen die Professoren die Verpflegungskosten für die Gäste.
Zur Präsentation wurde ein alternativer Weihnachtsmarkt aufgebaut, an dem es verschiedene Produkte gab, die das Ankommen erleichtern, die aber auch die Angst vor dem Fremden beseitigen helfen. Hier wurden Spiele gezeigt, die ohne Sprache eine Kommunikation ermöglichen. Man konnte Speisen aus verschiedenen Regionen probieren; bilinguale oder auf Piktogrammen basierende Stadtpläne mit den wichtigsten Zielen waren im Angebot. Eine andere Gruppe entwickelte eine Art Tutorium, in dem durch ältere Geflüchtete Erfahrungen an die Neuankömmlinge weitergegeben werden können. Ein Memory-Spiel wurde geschaffen, um das Erlernen der deutschen Sprache zu erleichtern. Auch mit den Benimmregeln in verschiedenen Kulturen, die den Kulturschock erzeugen, setzten sich manche Gruppen auseinander. Mehrere Filme entstanden in diesen wenigen Tagen, die sich mit dem Alltag und möglichen Konflikten beschäftigten. Eine Sprachbörse und die Auseinandersetzung mit Schrift und Piktogrammen spielten eine wichtige Rolle, was die Kommunikation anging. Interviews und Sketches wurden dokumentiert
und vorgeführt. Eine Willkommensbox als erster Einrichtungsgegenstand wurde für die Ankommenden entwickelt und als Prototyp gebaut.
Die Arbeiten wurden von den Professoren juriert und mit Preisen ausgezeichnet – eigens angefertigte Lebkuchenherzen mit deutsch-arabischer Beschriftung „Advent“.
Studierende aus arabischen Ländern halfen als perfekte Dolmetscher. Nach der Preisverleihung in der Aula konnte man Platz nehmen an einer 30 Meter langen, weiß gedeckten Tafel. Dafür und für eine stattliche Bewirtung und das Abendprogramm zeichnete die Fachschaft verantwortlich. Piktogramme gaben für alle verständlich eine Sitzordnung vor, wodurch die Durchmischung der Gäste gewährleistet wurde. Buttons mit persönlichen Piktogrammen, die zum Gespräch auffordern sollten, wurden verteilt. Am Tisch wurden Speisen gereicht, die teilweise der Kultur der Herkunftsländer entstammten, teilweise aber auch die Auseinandersetzung mit einheimischen Essgewohnheiten thematisierten. Unterstützung fanden die Studierenden dabei durch einen syrischen, einen deutschen Koch sowie einen afghanischen Bäcker. Anschließend wurden in der Galerie der Fakultät die üblichen Klänge mit arabischen gemischt und bei einem ausgelassenen Get-Together bis in die frühen Morgenstunden getanzt.
Prof. Joachim Deckert betreibt in Partnerschaft mit Rainer Mester das Architekturbüro deckert mester architekten dma in Erfurt. Er ist zudem Professor für Entwerfen, Gestaltungslehre und Darstellungslehre sowie Öffentlichkeitsbeauftragter an der Fakultät Architektur und Stadtplanung der Fachhochschule Erfurt.