Architekten: Von der Gestaltung bis zur Bewirtschaftung, Grußworte der Finanzministerin Birgit Diezel
Neujahrsempfang der Architektenkammer Thüringen am 20.01.2003im Kaisersaal Erfurt
Meine Damen und Herren,
„Architektur spielt keine unschuldige Rolle.“ Wer dies wie der Architekt Daniel Liebeskind bedenkt, weiß um die Bedeutung der Architektur für unser gesamtes Leben. Die Wende im politischen hat unübersehbar auch Einfluss genommen auf die Gestaltung der Baukörper. Weg vom eintönigen Plattenbau hin zu gestalteten, funktionell durchdachten und den Bedürfnissen der Menschen zugewandten modernen, zeitgemäßen Bauten. Die dabei sowohl kostengünstig in der Errichtung, als auch kostensparend und wirtschaftlich in der Unterhaltung sein sollen und in der Regel auch wohl sind.
Es gehört sicherlich zu den erfreulichen Tatsachen unserer Tage, wenn man sieht, wie sehr die Baukultur in Thüringen innerhalb weniger Jahre an Bedeutung gewonnen hat. Eine Entwicklung, die sich mit dem Bemühen der Politik im Freistaat deckt, ein kreatives wie innovatives Thüringen in Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung zu gestalten. Die Architektur ist inzwischen zum Gesicht des neuen Thüringen geworden. Es ist Ausdruck eines weltoffenen und sensiblen Landes.
Den Einfluss dieser Architektur auf die Lebensqualität und letztlich das Lebensgefühl in unseren Städten und Gemeinden kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Viele Bauten legen inzwischen Zeugnis ab für die wiederentstandene Selbstverwaltung der Kommunen und anderer Träger. Dabei stehen sie im Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Sie sind somit auch ein wesentlicher Beitrag zur Identifikation des Bürgers mit seiner unmittelbaren Umgebung und seiner Zeit.
Wir sind weit davon entfernt, für die Ewigkeit zu bauen. Aber, dass Architektur Ausdruck der Zeit, Ausdruck unserer Zeit sein soll, dass zu einer Bautradition auch Neuanfang gehört, davon sollten wir nicht abrücken. “Badewannen und Spülmaschinen” dürfen nicht die einzigen Reste sein, die unsere Kultur für künftige Generationen identifizierbar machen. Frank Lloyd Wright hatte das befürchtet und hat mit seinem architektonischen Werk dieser Gefahr selbst entgegen gewirkt.
Architekten wie er – und gerade in Thüringen ließen sich eine Menge Namen von großen Architekten nennen – sind die eigentlichen und herausragenden Schöpfer von Baukultur. Der Staat selber hat keine “kunstschöpferische Kraft”. Theodor Heuss hat das einmal so ausgedrückt. Aber der Staat nimmt, da er sich als Kulturstaat begreift, auch in diesem Bereich eine Verantwortung als Bauherr wahr. Auch der Bauherr spielt keine unschuldige Rolle könnte man sagen.
Dabei liegt in der Qualität die Zukunft der Architektur in Thüringen, aber auch die Zukunft der Thüringer Architekturbüros. Ich freue mich, dass sich Thüringer Büros bei Architektenwettbewerben und Verhandlungsverfahren im Lande immer stärker durchsetzen – zum Beispiel bei der Polizeischule in Meiningen, der Fachhochschule in Nordhausen oder bei der Sanierung von 19 Schulen im Rahmen unseres Schulbausonderprogrammes.
Die Thüringer Büros sind konkurrenzfähig. Sie sind inzwischen – zum Beispiel mit einer CAD-Ausstattung von 80 Prozent – westlichen Büros in manchen Bereichen sogar überlegen. Und was den öffentlichen Bauherren besonders interessiert die Thüringer Büros arbeiten besonders kostentreu. Das freut natürlich die Finanzministerin!
Meine Damen und Herren,
es ist deshalb auch nicht zu verstehen, dass Thüringer Büros zum Beispiel in Sankt Petersburg, in Minsk, in Moskau anspruchsvolle Klinikbauten errichten, aber in den alten Ländern bisher nur wenig Chancen bekommen haben, an Aufträge zu kommen. Daran müssen wir in der Zukunft gemeinsam verstärkt arebeiten.
Das falsche Bild der “Platte” ist in Westdeutschland in vielen Köpfen noch immer prägend, obwohl hier in Thüringen – wie jeder weiß – großartige Neubauten etwa im Hochschul-, Gewerbe- und Wohnungsbau entstanden sind. Auch die Individualisierung der typsierten Baukörper beim Schulbausonderprogramm spricht seine eigene Sprache. Vielleicht lohnt es sich auch aus dieser Erfahrung heraus einmal über einen Schulbaupreis nach zu denken, um gerade in diesem für die Zukunft Thüringens so wichtigen Bereichs Zeichen zu setzen.
Der Freistaat hat im Übrigen im Bereich des staatlichen Hochbaus im letzten Jahr insgesamt 173 Millionen EURO in Baumaßnahmen sowie Bauunterhalt und Erstausstattung an Gebäuden des Landes investiert. Gegenüber den rund 205 Millionen Euro des Jahres 2001 ist dies aber ein Rückgang von rund 32 Millionen Euro. Kompensiert wird dieser Rückgang jedoch durch das Bauvolumen bei den alternativ finanzierten Bauprojekten des Landes. Hier liegt die Investitionssumme mit rund 131 Mio. EURO rund zwanzig Millionen Euro über der des Vorjahres. Der privaten Vorfinanzierung geht es somit wie manchem Baukörper, zunächst heftig kritisiert hat sie aber dennoch ihre Berechtigung. Zumal in einer Zeit in der die öffentliche Hand um jeden Cent für Investitionen kämpfen muss. Ich frage alle Kritiker wo wären wir ohne diese Form der Finanzierung von öffentlichen Bauten?
Im Bundesbau, den das Land für den Bund durchführt, ist gegenüber dem Vorjahr mit 36 Mio. EURO in 2002 lediglich ein Bauvolumen von 23 Mio. EURO erreicht worden. Insgesamt gesehen konnten allerdings rund 327 Mio. EURO beschäftigungswirksam umgesetzt werden. Die Zahlen des Statistischen Landesamtes für 2002 stehen derzeit noch nicht zur Verfügung. Für das laufende Haushaltsjahr hoffen wir dass der staatliche Hochbau trotz aller Haushaltsprobleme auf etwa gleichem Niveau weitergeführt werden kann.
Der Stand der Vergabestatistik zum 3. Quartal des letzten Jahres lässt im Übrigen erwarten, dass wir gegenüber 2001 bei allen Vergaben eine weitere Steigerung zugunsten Thüringer Unternehmen erreichen werden. Mit 88,3 Prozent zu 77,5 Prozent der Vergaben nach dem Wert, sowie 93,7 Prozent zu 93,2 Prozent der Anzahl nach sieht die Bilanz recht gut aus. Vor allem belegt sie, dass Bemühen des Staatlichen Hochbaus Aufträge vom Land an Thüringer Unternehmen zu vergeben.
Erwähnenswert ist auch, dass im Jahre 2001 Planungsleistungen an Architekten und Ingenieure, die Vergabestatistik macht da keinen Unterschied, in Höhe von 22,7 Mio. EURO vergeben wurden. Im Jahre 2002 waren es bis Ende August bereits 19,4 Mio. EURO. Das Jahresendergebnis 2002 wird somit mit Sicherheit einiges über dem des Vorjahres liegen.
Meine Damen und Herren,
allein schon aus dem Verhältnis vergebener Planungsleistung zu realisiertem Bauvolumen ist zu erkennen, dass die staatliche Hochbauverwaltung ihren eingeschlagenen Weg zur reinen Baumanagement-Verwaltung konsequent weiterführt. Das heißt: Alle delegierbaren Aufgaben der Planung und Projektsteuerung werden an freiberuflich tätige Kollegen abgegeben. Der staatliche Hochbau beschränkt sich auf die nicht delegierbaren Bauherrenaufgaben.
Dieser Trend zeigt sich auch in der Personalentwicklung. Hier sind einerseits die absoluten Zahlen leicht rückläufig, andererseits ist es gelungen durch Ausbildung von Referendaren und Inspektoren-Anwärtern die Qualität des Personals zu verbessern. Zugleich wird gewährleistet, dass auch zukünftig den Architekten und Ingenieuren sachkundige Vertreter des Bauherrn gegenüberstehen. Somit sollte eine für beide Seiten effektive Arbeit mit guten Ergebnissen zustande kommen.
Architektur ist aber nicht nur die öffentliche Zurschaustellung von baulichen Hüllen. Architektur lebt auch von kleinen eher versteckten Details. Hier ein Treppenaufgang in klarer Linieführung, der aber durch einen ungewöhnlichen Materialmix aus Holz, Stahl und Glas besticht. Dort ein einsames rundes Fenster, dass eine verloren dastehende Wand aufwertet.
Auch die Kunst am oder im Bau ergänzt den architektonischen Auftritt der Baukörper. Ob von einer Decke eines Finanzamtes abgehängte Zitronen, oder ein an der Fassade eines neugebauten Nothilfezentrums prangender Engel; Kunst am Bau sorgt mitunter für eine weitere Auseinandersetzung der Bevölkerung mit dem neugebauten Objekt.
Der krönende Abschluss sind dann die Außenanlagen, die einem Baukörper erst seinen Charakter verleihen. Und ihn in seine städtebauliche Umgebung integriert. All dies ist mitunter schön anzuschauen. Sorgt wie schon dargestellt auch für öffentliche Auseinandersetzungen, wie wir sie beispielsweise beim Bundesarbeitsgericht hier in Erfurt erleben durften. Architektur spielt somit in der Tat keine unschuldige Rolle.
Aber – Architektur muss auch funktionieren. Hier geht es auch und darauf möchte ich den Blick besonders richten, um den sparsamen Umgang mit Energie und Wasser. Hier spielt der Bauherr natürlich auch keine unschuldige Rolle.
Der Freistaat Thüringen als öffentlicher Bauherr will deshalb auch zukünftig noch mehr als in der Vergangenheit, die späteren Bewirtschaftungskosten von Gebäuden im frühen Planungsstadium berücksichtigt wissen. Hieraus resultieren auch neue und zusätzliche Anforderungen an die Architektenschaft. Das heißt der Schwerpunkt der Aufgabenstellung an den Architekten liegt nicht mehr ausschließlich im gestalterischen und städteplanerischen Bereich sondern auch im Bereich der Einsparung von Bewirtschaftungskosten.
Und hier ist leider immer wieder festzustellen, dass es zwar viele gibt, die unter dem Stichwort „facilitäre Planung“ verkünden, wie gering im Verhältnis zu den späteren Bewirtschaftungskosten doch die eigentlichen Baukosten sind, gemessen am Lebenszyklus eines Gebäudes. Allerdings gibt es nach den Erfahrungen meiner Mitarbeiter kaum einen Architekten oder Ingenieur, der tatsächlich in der Lage ist, eine Planungsaufgabe systematisch unter dem Aspekt der geringen Bewirtschaftungskosten anzugehen.
Hier sehe ich für die Architektenschaft zukünftig eine große Herausforderung an deren Bewältigung sicher nicht nur der öffentliche Bauauftraggeber ein großes Interesse hat.
Meine Damen und Herren,
Baukultur muss Resultat innovativer Ideen sein. Aber – auch der Blick auf die Zeit nach der Planungs- und Bautätigkeit bedarf nunmehr innovativer Ansätze. Persönlichkeiten und deren Ideen sind es, die Zukunft schaffen. „Die Idee ist ewig und einzig“ – ich glaube, Goethe hatte auch hier recht. Und deshalb wünsche ich Ihnen allezeit eine gute Idee zu einem guten Plan. Und unserer Wirtschaft wünsche ich die Kraft, diese umzusetzen. Das ist mein Wunsch, verbunden mit der Bitte: auf weitere gute Zusammenarbeit. Bauen wir im wahren Sinne des Wortes gemeinsam weiter an der Zukunft unseres Landes!
Dazu uns allen ein gutes Jahr 2003!