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Festrede von Kurt W. Forster anläßlich der Verleihung des Thüringer Architekturpreises für Wohnbauten 2003

Thema: "Wohnen"

"Ich bedanke mich für die Einladung aus Anlass des Thüringer Architekturpreises zu Ihnen zu sprechen. Ich war bereits gestern hier, schaute mir die Ergebnisse an und versichere Ihnen, dass der Geschäftsführer Ihrer Kammer, Herr Beier, es bestens versteht, die Probleme zu erläutern und auch einem, der in einem gewissen Grade als Neuling vor Ihnen steht, die Leistungen ins rechte Licht zu rücken. Weil ich gewiss keinen Anspruch auf lokale Kompetenz erheben darf, werden Sie mir gestatten, einige Überlegungen anzustellen, die sich am Ende vielleicht dennoch mit diesem oder jenem Aspekte der eingereichten Projekte berühren mögen.

Sieht man eine Mutter über den Markt gehen, deren Säugling in einer Halterung vor der Brust oder in weich ausgekleideter Plastikschale baumelt, beobachtet man strampelnde Kleinkinder in ihren Kinderwagen, an denen Regenschirme, Einkaufstaschen und Puppen schlackern, oder erinnert man sich an den begeisterten Aufbruch zu Schulausflügen, an die endlosen Autoschlangen, die sich alle Sommer wieder über die Alpenstrassen wälzen, vergisst man die unzähligen Garten- und Ferienhäuser, Rentnersitze auf Malta oder Mallorca und auch Bed&Breakfast-Unterkünfte nicht, weder die Wohnwagen, die auf Fährschiffen scheppern um an gottverlassenen Orten der türkischen Küste anzulegen, noch Alphütten und Unterstände, die in dünner Luft und eisiger Kälte die Alpinisten beherbergen wo immer Berge sich erheben, und zieht man auch die Unterkünfte Vertriebener und die Lager Gefangener ein, dann kommen einen Zweifel an der Sesshaftigkeit der Menschen. Zweifel, die noch größer werden, wenn die Bedeutung dieser Sesshaftigkeit aufgebauscht und kulturell überfrachtet wird.

Eines steht jedenfalls fest: wir gehören zu einer Spezies, die sich dank ihrer Anpassungsfähigkeit und ihrer instrumentellen Ausrüstung über den ganzen Erdball ausgebreitet hat und, zumindest in der Phantasie von sience-fiction-Autoren und Raketenspezialisten, selbst jenseits unseres Planeten auszudehnen droht. Wer immer sich in der Illusion wiegen mag, er gehöre auf alle Zeiten an einen Ort oder stamme von einem solchen her, der möge bedenken, dass wir alle bloß Einwohner sind, die genauso woanders sein könnten, wenn es denn den Umständen so beliebt hätte.

Dieser menschlichen Neigung zur Wanderschaft, zum Abbruch der Zelte und zum Aufbruch in Neuland, fröhnen wir heutzutage oft auf indirekte Weise, die sich aber dennoch in unseren Behausungen niederschlägt, nämlich durch Reisen. Wir wandern auf Raten, wir machen uns nur zur Probe auf und blasen dann wieder zum Rückzug. Zur Rückkehr "in die eigenen vier Wände," heim ins Vertraute. Aber auch in der eigenen Wohnung oder sogar im eigenen Haus beschleicht uns gelegentlich der Gedanke an das Unstete unserer Existenz, an das Unbehagliche mitten im Vertrauten, so, als könnten wir an keinem festen Platz zur Ruhe kommen. Der Dresdner Dichter Durs Grünbein hat dazu in seinem Buch "Das erste Jahr" unter dem 6. Juni 2000 festgehalten: "Ich schau mich um in der eigenen Wohnung, und mein nichtiges, interimistisches Nomadendasein springt mich aus jeder Ecke, jedem Gegenstand an. Irgendwelche technischen Geräte zur Informationsverarbeitung, Ernährung und Körperpflege, futuristische Grabbeigaben, sind beziehungslos auf Tischen, Regalen und Schränken verteilt, als wären sie eben erst aus den Reisetaschen herausgepurzelt. Ich schleppe sie mit mir herum wie der Steinzeitjäger die Fetische und Geräte, die er zum Überleben braucht. Unterwegsein ist alles, vom Wohnen kann keine Rede mehr sein."

Zugegeben, da denkt einer nach, dem das Reisen zur Gewohnheit geworden ist, der aus einem Land ins andere, aus einer Stadt in andere Städte zog, bei dem das Nomadisieren wie ein langgedehntes Echo auf die Erfahrung des "Ausbrechens" folgte. Vor wenigen Tagen, als ich Grünbeins Sätze las, bestärkten sie mich darin, der Vorstellung des Wohnens eine andere Seite unseres Lebens gegenüberzustellen, denn es lässt sich nicht verheimlichen—oder, anders ausgedrückt, es lässt sich in keiner Wohnung festhalten—, dass wir als Nomaden, als Wanderer geboren sind. Gerade deshalb legen wir wohl so großen Wert auf Sesshaftigkeit und schreiben ihr so bedeutungsschwere Eigenschaften zu. Gerade deshalb haben gewisse Denker die Vorzüge der Sesshaftigkeit für so grundlegend erachtet, dass selbst altvertraute Worte wie "Anwesen"- etwa im Schweiz Dialekt eine gängige Bezeichnung für ein bäuerliches Heim - und "Dasein" unerwartetes philosophisches Gewicht erhielten. Legten sich aber nicht auch dunkel Schatten auf sie, Schatten in Gestalt von Millionen von Vertriebenen, Geflüchteten und Emigranten? Ist nicht jeder Sesshafte, wie Hunding gegenüber Richard Wagners Siegfried, der Antagonist all jener, die sich Wehwald nennen müssen? (W.G. Sebald!)

Auch in "geordneten Verhältnissen" können Ortswechsel und Wandel die Oberhand gewinnen. Meine Eltern zogen wahrend meiner ersten 15 Lebensjahre sieben Mal um, und entgegen aller Bedenken, empfand ich das als "echt" aufregend und nicht als behinderlich, ja, bald einmal bot der Wechsel der Schule, der damit einherging, Gelegenheit sich mit frischem Mut über altbekannte Schwächen hinwegzusetzen und aufsässige Lehrer los zu werden. Zugegeben, wir sind alle in unseren eigenen Erfahrungen befangen, dürfen sie aber auch gegen Schulweisheit und engherzige Besserwisser verteidigen.

Lassen wir uns nicht täuschen, denn die Verklärung des "Wohnens" ist eine scheinbare. Wir kennen die Doppelrolle des Wohnens, verbindet sie doch die Vorstellung eines Refugiums mit derjenigen des Ausbruchs. An einem sicheren Ort können wir umso unbekümmerter Pläne aushecken und unserer Phantasie freien Lauf lassen. Nicht zufällig sammelt sich in jedem Zimmer, in jedem Haus eine ganze Menge von Dingen an, die alle entweder aus der weiten Welt stammen oder symbolisch an sie erinnern. Da sind einmal unsere vertrauten Kanäle zur Welt, die Kabelnetze und selbst die drahtlosen Verbindungen, vor denen uns weder der Sprung in die Badewanne, noch der Schlüssel am Abort retten können. Zwar gibt es Vorhänge, Teppiche und Wandbehänge, die uns abschirmen, da sind aber auch die Wunschbilder von Landschaften, Film- und Popstars, Blumen und Fruchtschalen auf denen der halbe Globus vertreten ist—wo Kiwis und Mango, Apfel und Bananen im Weltfrieden nebeneinander reifen—ja, auch die musikalischen und flüssigen Durststiller wollen uns alle mit dem "Duft der großen freien Welt" verlocken, unsere engen Wände sprengen und unsere Wünsche beflügeln. Seit geraumer Zeit, seit gut und gerne ein paar Jahrhunderten, werden gediegene Häuser mit Dingen ausgestattet, die deutlich an Vorübergehendes und Fernes gemahnen: Zeltzimmer zum Beispiel - nicht nur bei echten oder angeblichen Feldherren beliebt. Zeltzimmer verknüpfen selbst die Nachtruhe mit der Vorstellung des Reisens, versuchen einen in Schlaf zu lullen mit der Erinnerung an ferne Gefilde. Hölzern vertäfelte Zimmer, gar solche, die mit Geweihen und ausgestopften Raubvögeln bestückt wurden, suggerieren eine schützende Unterkunft auf gefährlicher Jagdfährte. Selbst in der beliebten modernen "galley kitchen" serviert der Familienkapitän Strammen Max zum Frühstück wie auf See, oder schenkt an der Hausbar das nötige Brennbare aus, um die Geister in Fahrt zu halten. In schicken Häusern verspricht die Chaise-longü von Le Corbusier eine Entspannung wie nur Helden der Kultur sie nach engagierten Tischgesprächen genießen dürfen. Topfpflanzen holen den Garten in die Wohnung, Geranien die Hecken auf den Balkon, Tannenduft taucht das traute Heim in Ferienluft und das Radio versichert uns, dass die Welt noch vorhanden und das Wetter auch morgen noch echt sei. Was Wunder, dass manchem Besucher und selbst Vorbeispazierenden, die abends in hell erleuchtete Wohnräume gucken, diese eher als Kulissen, denn als heimische Orte erscheinen. Ich möchte dazu nochmals eine Beobachtung anführen, die Durs Grünbein bei einem Amerikabesuch machte, als er den Eindruck erleuchteter Wohnungen mit Spielfilmkulissen verglich: "Deshalb der Eindruck von Dekoration…, der den meisten Innenräumen hier jede Privatsphäre nimmt. Im Handumdrehen ist die vierte Wand beiseite geschoben. Die intimsten Szenen spielen oft mitten auf offener Strasse, an den belebtesten Ecken der Stadt. Man kann nie wissen, ob man nicht plötzlich im Scheinwerferlicht steht, und also agiert man wie vor versteckter Kamera.." (S. 258) Das mag etwas zugespitzt tönen, trifft aber dennoch und gerade in seiner Übertreibung auf einen wunden Punkt. Nämlich darauf, dass auch im Innern (der Wohnung), uns die Welt nicht abhanden kommt, dass wir uns zwar immer wieder zurückziehen wollen, auch wenn wir nicht ohne das Andere auskommen und es uns deshalb mit den Versatz- und Ersatz-Stücken von außerhalb vor Augen stellen. Keine Krimiserie, keine "sit coms", kann auf Details der Wohnlage und Zimmerausstattung verzichten…

Aus den Alltagsumständen, aus den Indizien, die Sesshafte und Zugvögel hinterlassen, lesen wir Schicksale und legieren unsere Vorstellungen über sie. Diese Art von Spekulation ist mit am Werk, wenn wir Wohnorte und Räume absichtlich verändern, ja, wenn wir damit selber Schicksal spielen, in das Bestehende eingreifen und das Vergangene ebenso verändern wie das Kommende. Wir erkennen es als dringende Aufgabe, insbesondere bei der Sanierung von Wohnbauten, die nach dem zweiten Weltkrieg errichtet worden sind, ihnen mehr "Außenwelt" einzuverleiben. Mit neuen Eingängen, Balkonen und veränderten Fensterflächen, mit sanitären Einrichtungen kann der Komfort gehoben und die Wohnung freundlicher gemacht werden. Sie wird erweitert und bereichert, damit den Bewohnern ein größerer Anteil am großen Ganzen geboten werden kann. Dass da mit Farben und Zubauten nachgeholfen wird, auch wenn es dabei mindestens so sehr um die äußere Wirkung als um die Wohnbereiche selber geht, tut gewiss keinen Abbruch.

Mir fiel bei näherem Zusehen auf, wie bei der Gestaltung neuer und bei der Renovierung bestehender Wohnungen die Tradition des Wohnbaus sich erhalten hat. Gewiss handelt es sich dabei in vielen Fällen einfach um eine Sache der Ökonomie, schlicht darum, wie aus einer bescheidenen Fläche ein Maximum an bewohnbarem Raum herausgeschlagen und dabei neuere Bedürfnisse berücksichtigt werden können. Trotzdem überrascht mich die Selbstverständlichkeit, mit der Wohnungen und auch anspruchsvollere Einzelhäuser oft gegliedert werden. Das Prinzip der Kammern, der klar ausgegrenzten Bereiche und einer dauerhaften Ordnung des "Wohnen" beherrscht manches Projekt. Noch scheinen flüssigere Vorstellungen, ein eher auf ad hoc ausgerichtetes, mit einem Wort, ein "lässigeres" Wohnideal weniger gefragt zu sein. Wir wissen zur Genüge, dass die modernen Vorstellungen von "Flexibilität" in den meisten Fällen Illusion blieben, trotzdem stellt sich heute die Frage, ob ein "weicheres" Regime, d.h. weniger rigoros ausgebildete Wohnbereiche, der allerseits erhofften, ja, geforderten Zukunftsmentalität auf die Beine helfen könnte. Denn der knappe, aber dennoch echte Freiraum, der den Bewohnern dann zur Verfügung steht, liegt wohl gerade darin wie sie die Quadratmeter ihrer Behausung gestalten wollen.

Für Unbeteiligte wirken viele Wohnungen wie Orte, an denen aufgesammelt wurde, was zum Wegzug erforderlich ist, Orte also, die sich als "Zwischenlager" unserer Existenz herausstellen. Nach einschneidenden Veränderungen im Haushalt der Gesellschaft gibt es Berge von Sperrmüll. Unvergesslich der Aufwand und die Ironie, die im Film "Good Bye Lenin" der Versuch bewirkt, zu Mutters Beruhigung die alte Wohnungsausstattung wie eine Kulisse wiederherzustellen, so rasch und so gründlich hat das äußere Leben ins Innerste des eigenen eingegriffen. Architektinnen und Architekten sind eh damit beschäftigt, als Regisseure des Innenlebens und Dramaturgen der Gesellschaft beiden zur Hand zu gehen und dennoch ein eigenes Stück aufzuführen. Na dann, wie es im Theater heißt, "Toi, toi, toi!""

veröffentlicht am 20.10.2003 von Susann Weber · Rubrik(en): News

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