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101 Jahre Bauhaus in Weimar – Dessau – Berlin

Retrospektive Thüringer Architektinnen und Architekten auf Dessau

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Entlang der Fassade des Bauhausmuseums, Bild: Edith Baars

Etwa 30 Thüringer Architekt*innen und Bauhausinteressierte reisten am 23. Oktober 2020 mit Bus oder PKW aus Nordthüringen, Erfurt, Weimar und Zeulenroda in die drittgrößte Stadt unseres benachbarten Bundeslandes. Gemeinsames Ziel war es, mehr über die Geschichte und die Menschen des Bauhauses, seine Traditionen und Impulse zu Architektur, Kunst und Design in und über Deutschland hinaus durch die Expertin Carmen Niebergall von tourenreich – Architektur- und Kunstreisen Mitteldeutschland zu erfahren.

Spontan bereicherte Sören Klausnitzer als Mitarbeiter der Stadt Dessau mit seinen ergänzenden Informationen unseren Wissensgewinn. Dessau war einst Residenz des Landes Anhalt und schloss sich vor 13 Jahren mit Roßlau im Rahmen der Gebietsreform zur Stadt Dessau-Roßlau zusammen. Nachdem 1925 das Bauhaus von Weimar in die Stadt zwischen Elbe und Mulde gezogen war, wurde sie der Ort, an dem die Bauhäusler ihre Ideen von der Theorie mit zahlreichen Versuchen und Prototypen in die Praxis umsetzten. Das Bauhaus selbst, die Meisterhäuser und die Experimentelle Siedlung „Törten“ zeugen bis heute davon, auch wenn es zwischenzeitlich zu Überformungen durch deren Bewohner und infolge von Zerstörungen durch den Zweiten Weltkrieg zu Ersatzbauten der Hülle mit neuem Innenkonzept kam. Carmen Niebergall gewährte uns ein weiteres Mal nach Magdeburg und Halle interessante und aufschlussreiche Einblicke in die Architekturhistorie Sachsen-Anhalts, in die kurze und intensive Geschichte des Bauhauses in Dessau, in das Bauhausmuseum und in aktuelle Projekte der Stiftung Bauhaus Dessau bis hin zum Umweltbundesamt.

Unser Programm begann mit der Begrüßung am Bauhausmuseum und kurzen einführenden Worten Carmen Niebergalls zum Ablauf sowie zum Neubau. 2015 konzipierten addenda architects aus Barcelona ein „Haus im Haus“ in einer Hülle aus Glas und gewann damit den Wettbewerb. Das Gebäude am Mies-van-der-Rohe-Platz wurde im Dezember 2019 seiner Bestimmung übergeben. Zwei Mitarbeiter des Museums führten unsere beiden Gruppen im über dem Erdgeschoss schwebenden Betonriegel durch die Ausstellung „Versuchsstätte Bauhaus. Die Sammlung“. Mit über tausend Exponaten wird die Schulgeschichte und das Bauhaus als lebendiger Ort, an dem gelernt und gelehrt, künstlerisch experimentiert sowie an industriellen Prototypen gearbeitet wurde, beschrieben. Es zeigten sich uns u. a. Figuren des triadischen Balletts, die Wagenfeld-Leuchte, die freischwingenden Stahlrohrstühle sowie die berühmten Teppiche der Weberei …

Beeindruckt verließen wir das neue Museum, um im Bauhaus die Realität der Gestaltungsprinzipien zu erleben. Der Komplex gliedert sich in den Werkstattflügel, die Gewerbliche Berufsschule und in das Ateliergebäude. Walter Gropius strukturierte diese nach ihren Funktionen. Im Zwischenbau – dem Übergang von Werkstatt zum Atelier – besuchten wir die Aula mit ihrer Bühne und der direkt angrenzenden Mensa. Über mehrere Faltelemente lassen sich die Bereiche bei Festen miteinander verknüpfen. Dies war für unsere Stärkung an den gereihten kubischen Tischen nicht erforderlich. Das asymmetrische Gebäudegefüge erlebten wir beim Spazieren um die Schule zurück zum Bus.

Als nächstes Ziel erwartete uns die 2010 rekonstruierte Trinkhalle von Ludwig Mies van der Rohe. Sie fügt sich in eine fast zwei Meter hohe weiße Mauer ein, welche das westlich gelegene Grundstück der Meisterhäuser abschirmt. Parallel zum Bauhaus ließ Dessau nach Plänen von Gropius drei baugleiche Doppelhäuser für die Meister und ein Einzelhaus für den Direktor in einem Kiefernwäldchen errichten. Dabei sollte den Prinzipien des rationalen Bauens sowohl bei der Architektur als auch beim Bauprozess gefolgt werden. Neben Walter Gropius und László Moholy-Nagy wohnten Lyonel Feininger, Georg Muche, Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky und Paul Klee mit ihren Familien hier, später u. a. Hannes Meyer, Ludwig Mies van der Rohe, Josef Albers, Hinnerk Scheper und Alfred Arndt. Nach der Bauhausschließung 1932 wurden die Häuser anderweitig vermietet. Das Direktorenhaus wurde im Krieg zerstört. Die anderen Meisterhäuser wurden bereits 1992 und das von Kandinsky/Klee 2018/19 umfassend saniert. Auf dem Weg zum Bus unterhielt uns Carmen Niebergall kurzweilig mit Jazz in Anlehnung an den Stil der Bauhaus-Kapelle. Fast war man geneigt, das Tanzbein zu schwingen …

Weiter ging es über eine Stippvisite im großzügig angelegten Areal des Umweltbundesamts von Sauerbruch Hutton zur Siedlung Törten mit dem Konsumgebäude und ihren einzelnen Bauabschnitten SieTö I bis SieTö IV von Walter Gropius, den Laubenganghäusern der Bauabteilung des Bauhauses unter Leitung von Hannes Meyer und dem Stahlhaus von Georg Muche und Richard Paulick. Am Konsumgebäude sind jüngst die Außenanlagen durch die Stadt mit freiraumplanerischer Betreuung von LA21 barrierefrei erneuert wurden. Sören Klausnitzer und Diana Moraweck berichteten von der mühsamen Ausführung ab der obersten Stufe zum Podest, denn ab dieser ist die Stadt Eigentümerin. In der Siedlung besuchten wir die SieTö I und darauf die weiterentwickelten Stufen sowie das Moses-Mendelsohn-Zentrum in einem Siedlungshaus mit bauzeitlich erhaltenem Grundriss. Der deutsche Philosoph der Aufklärung wurde einst in Dessau geboren. Seine Sicht zur Bestimmung des Menschen: „Wahrheit erkennen, Schönheit lieben, Gutes wollen, das Beste thun.“

Abschließend erwartete uns das im Jahre 2012 umfangreich und denkmalgerecht sanierte Kornhaus von Carl Fieger aus Gropius‘ Büro samt Stärkung zur Rückfahrt und einem herzlichen Dankeschön an Carmen Niebergall und Sören Klausnitzer für den informativen Tag! Entlang der Elbe stiegen bereits die Abendnebel auf.

Wir freuen uns schon jetzt auf unsere nächste Exkursion im Herbst 2021 nach Aschersleben. Kolleginnen und Kollegen sind gern willkommen.

Edith Baars und Pia Wienrich, Kammergruppe Kyffhäuser Südharz

veröffentlicht am 17.11.2020 von Björn Radermacher · Rubrik(en): News, Kammergruppe Kyffhäuser Südharz

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