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„Für mich gehören die Grundsätze der Baukultur zu den Eckpfeilern unserer Arbeit“

DAB-Reihe „Wir für hier“ – Im Porträt: Architekt Thomas Laubert

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Thomas Laubert, Bild: Ines Freundel

Mit der DAB-Reihe „Wir für hier“ versammeln wir Stimmen von Mitgliedern aller vier Fachrichtungen, die sich nach dem Studium dazu entschieden haben, ihren Beruf in Thüringen auszuüben – als Gebliebene, Zugezogene oder Zurückgekehrte.

In den Gesprächen erzählen sie von der Motivation, für Thüringen in ihrer Profession zu wirken und von den Besonderheiten ihrer Region. Außerdem gibt die Reihe Einblicke in Themen und Anliegen, die junge Kammermitglieder derzeit bewegen.

Diesmal im Porträt: Thomas Laubert, 38, freischaffender Architekt in Gera. Mit seinem Architekturstudio Mitte bewahrte er schon einige Objekte der Stadt vor dem Abriss und verhalf so „altem Bauwerk zu neuem Glanz“, wie die Lokalredaktion der OTZ kürzlich schrieb.

DAB: Herr Laubert, was hätte Sie nach dem Studium aus Thüringen weggelockt?
Thomas Laubert: Da ich familiär gebunden war, kam dies nicht in Betracht. Ich bin aber erst zum Vordiplom aus Leipzig wieder nach Thüringen gewechselt.

Welche Möglichkeiten eines Berufseinstieges hatten Sie nach Ihrem Studium?
Meine Diplom-Projektaufgabe wurde umgesetzt, sodass mich das beauftragte Büro, die Bau-Consult Hermsdorf GmbH, direkt eingestellt hatte.

Erzählen Sie uns von Ihrem Berufseinstieg: Wie ist der Übergang von Hochschule in den Beruf gelungen, was waren die ersten Projekte?
Das wichtigste Projekt direkt nach dem Abschluss, bei dem ich in verschiedenen Positionen mit unterschiedlichen Aufgaben tätig war, war die Realisierung der Porzellanwelten Leuchtenburg. Hier konnte ich Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Planenden, Fördermittelgebern, Auftraggebern und letztlich auch mit der Präsentation des Projektes vor unserer damaligen Ministerpräsidentin sammeln, wofür ich sehr dankbar bin.
Aber auch die nebenberufliche Arbeit als Lehrbeauftragter an der FH Erfurt hat sehr viel Spaß gemacht. Sie hat mich noch einige Zeit an die Hochschule gebunden; ich konnte mit den Professoren im Gedankenaustausch bleiben sowie an kleinen Wettbewerben teilhaben.

Muss man in Thüringen aufgewachsen sein, um sich hier wohl zu fühlen?
Nein, egal wo man sich befindet, es zählen vor allem die Menschen, die einen umgeben und dafür sorgen, dass man sich wohl fühlt. Aktuell hat man zwar das Gefühl, dass uns als Gesellschaft die vielen Krisen schwer im Magen liegen, aber grundsätzlich liegt es an einem selbst, wie man sich integriert und letztlich auch sein Umfeld gestaltet. Als Architektinnen und Architekten nehmen wir aktiv Einfluss auf die Umgebung; wir müssen nur manchmal noch etwas mehr Überzeugungsarbeit leisten …

Welche Rolle spielen Netzwerke aus Ihren Studienzeiten?
Ich empfinde den Fachaustausch mit vertrauten Menschen als wichtig. Dabei geht es vorranging darum, wie man dies oder jenes gelöst hat und warum. Ein Freund aus Studienzeiten leitet nun Großprojekte in Hamburg; beim letzten Treffen sind wir Unterschiede in den Bauordnungen der Länder durchgegangen … Wann diskutiert man schon mal über das Thema freiwillig und mit Freude?

Was vermissen Sie in Thüringen?
Super wäre, wenn man sich als eine gemeinsame Region mit gemeinsamen Zielen noch mehr verbunden sehen würde. Und wenn man die regionalen Merkmale stärker betonen würde. Schon die Entstehung des Landes im Jahre 1920 aus sieben ehemaligen Fürstentürmern und seine Entwicklung bis heute sind sehr spannend.
Architektonisch vermisse ich ein Holzhochhaus mit Gärten, perfekt an die Bedürfnisse angepassten Einheiten und autarkem Energiekonzept, das unser grünes, waldreiches und innovatives Bundesland nach außen repräsentiert – vielleicht gar als Prototyp in Geras neuer freier Mitte.

Wie fühlen Sie sich als junge Familie in Thüringen aufgehoben?
Thüringen ist ein tolles Bundesland, das Land der Familien – geschichtsträchtig, kulturell und landschaftlich vielschichtig. Es fehlt vielleicht etwas Meer, aber dafür haben wir einige Talsperren. Es gibt Platz für jeden und alles ist schnell zu erreichen. Ein gut aufgestelltes, demokratisches Bildungssystem und eine Zukunftsperspektive für unsere Kinder, das ist uns als Familie wichtig und das finden wir hier vor.

Was macht das Arbeiten in Gera besonders?
In Gera reibt sich die Geschichte, auch architektonisch. Als Beispiel das sandsteinerne Rathaus, welchem in den 1980er-Jahren hohe Fassaden aus rotem Waschbeton gegenübergestellt wurden. Kaum eine andere Stadt kann von so einer stetigen Veränderung erzählen. Vor 120 Jahren noch als reichste Stadt Deutschlands weltweit bekannt und in den Zeiten als Bezirkshauptstadt massiv umgebaut und erweitert, versucht sie heute, ihre Identität zu finden. Mit dem Erbe müssen wir umgehen, eine Lösung finden, die Verbindungen zwischen den Generationen wiederherstellen, sowohl baulich als auch sozial. Eigentlich benötigen wir keine Wohnungsneubauten mehr, die Stadt hat binnen der letzten 30 Jahre circa 40.000 Einwohner verloren. Das bringt Aufgaben für uns Planende mit sich, da sich die Stadt in sehr kurzer Zeit total verändert. Trotzdem brauchen wir das zeitgemäße Bauen mit innovativen Wohnkonzepten, die Erneuerung und Veränderung des Bestandes. Als wichtig empfinde ich auch die Stadtreparatur und den Erhalt identitätsstiftender Gebäude.

Woran arbeiten Sie zurzeit?
Aktuell bearbeite ich neben mehreren Wohnbauprojekten das Schloss Osterstein, eines der wichtigsten Objekte unserer Stadt. Die Zerrissenheit, der vernachlässigte Umgang mit Kultur lassen sich hier gut nachempfinden. Gemeinsam mit den privaten Bauherren und den weiteren am Bau Beteiligten wollen wir dort in den nächsten Jahren einen schönen, lebenswerten Ort für Thüringen schaffen.

Welche Rolle spielt die Baukultur in Ihrer Region, gibt es regionaltypische Aspekte? Und welchen Stellenwert hat die regionale Baukultur für Sie persönlich?
Gera hat die meisten Denkmale des Neuen Bauens in Thüringen, besitzt einige Gebäude mit hohem baukulturhistorischen Wert. So auch aus der jüngeren Geschichte, wie beispielsweise das Haus der Kultur von 1984. Stadtbildprägend, detailreich künstlerisch ausgestattet und Sorgenkind zugleich ist es aber auch Beispiel für den Verlust eines barocken Stadtquartiers. Gerade diese Stilepoche wird hier durch opulente Portalarchitektur an den noch verbliebenen Häusern repräsentiert.
Für mich gehören die Grundsätze der Baukultur zu den Eckpfeilern unserer Arbeit, schließlich gestalten wir die bauliche Umgebung von uns allen, welche dann wieder maßgeblich für die zukünftige Entwicklung des Standortes ist. Wir bilden damit auch die Identität einer Region, auf die wir uns dann künftig berufen und die später als „unsere“ Kultur aufgefasst wird …

Wie sind Sie zur Architektenkammer gekommen und was wünschen Sie sich von Ihrer Kammer?
Ich habe mich direkt nach dem Diplom 2010 in der Kammer angemeldet. Wichtig sind mir die berufsbezogenen Informationen, News und auch Haltungen rund um den Bau und die Baukultur.

Welche Stärken sollten die hier agierenden Architekt*innen, Stadtplaner*innen, Innenarchitekt*innen und Landschaftsarchitekt*innen für den Berufsstand einbringen und welche Themenfelder sind für die hier Arbeitenden derzeit von herausragender Bedeutung?
Unsere Stärke sollte die Kreativität, Flexibilität, das „Spinnen“ und auch etwas Utopie sein. Jeder noch so abwegige Gedanke kann gedacht werden, unter Voraussetzung der Analyse des Bestandes, der Umgebung. Einen Konsens findet man am Ende, Bauprojekte funktionieren nicht im Alleingang. An dem Vorgefundenen anzusetzen, an dem, was da ist, empfinde ich als wichtig. Das bedeutet, sich auch manchmal anzupassen und Dinge zu transformieren. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass die Flächenverbrauche für Neubau reduziert und Versiegelung minimiert oder mindestens mit abgerissenen, renaturierten Flächen gegengerechnet werden.

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